Deutsche Bahn Weselsky: "Unsere Lokführer wurden sehr spät informiert"

Der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky

(Foto: dpa)
  • Der Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL, Claus Weselsky, macht der Bahn schwere Vorwürfe hinsichtlich der Pannenserie auf der ICE-Schnelltrasse.
  • Die neue Technik sei zu schnell eingeführt und die Lokführer dadurch viel zu spät geschult worden.
  • Die Pannen seien auch für das Personal extrem frustrierend - und die Kritik an der Bahn sei völlig gerechtfertigt.
Von Markus Balser, Berlin

Die Pannenserie auf der neuen Schnelltrasse der Deutschen Bahn hält nun schon einige Tage an, doch bislang hatten Mitarbeitervertreter zu den Problemen des Staatskonzerns geschwiegen. Nun macht einer der einflussreichsten Gewerkschafter bei der Bahn seinem Ärger Luft. Claus Weselsky, der Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL, wirft der Bahn Missmanagement bei der Einführung des neuen Sicherheits- und Zugführungssystems vor, das seit Tagen Züge auf der Trasse Berlin-München ausbremst. "Wenn wir solche modernen Systeme wie ETCS einführen, dann müssen sie auch zu 100 Prozent funktionieren", sagt Weselsky der Süddeutschen Zeitung. "Und zwar von Anfang an. Alles andere ist für die Kunden aber auch für Mitarbeiter eine Zumutung."

Weselsky macht klar, dass es intern offenbar neben technischen Mängeln auch Ärger über die schnelle Implementierung des Systems gibt. "Wir haben es mit einer neuen Technik zu tun, die sehr rasant eingeführt wurde", sagt Weselsky. "Unsere Lokomotivführer wurden erst sehr spät informiert." So hätten diese beispielsweise erst in der Woche vor dem Start der Technik ein überarbeitetes Regelwerk für die Trasse bekommen. Einige Lokomotivführer seien zudem erst spät auf der Strecke geschult worden. "Das macht einen solchen Start nicht leichter", sagt Weselsky.

Schneckentempo statt Tempo 300

Für die Verspätungen aber ist nach Einschätzung der Bahn-Mitarbeiter das neue System verantwortlich. Weselsky gewährt überraschende Einblicke in die Probleme im Cockpit der Lokomotivführer. "Es gibt Display-Probleme im Cockpit. Damit steht der Lokführer auf der Strecke und weiß nicht, wo er sich befindet."

Auch für den Fahrer im Führerstand sei es frustrierend, auf der Trasse derart ausgebremst zu werden, so Weselsky. Doch wenn bei ihm keine Signale mehr ankämen, könne er im elektronischen System eben nicht weiterfahren. "Dann geht es statt Höchstgeschwindigkeit mit Tempo 300 eben nur im Schneckentempo weiter", sagt er. Die Lokführer sind angewiesen, in solchen Fällen "auf Sicht" zu fahren - also mit Tempo 40. Und auch das nur bei besten Witterungsbedingungen.

Aus Sicht der Mitarbeiter stehe die Bahn in diesen Tagen zu Recht in der Kritik, und das nicht nur wegen der massiven Probleme auf der Neubautrasse. "Wir glänzen ja im Moment nicht dadurch, dass der eigentliche Eisenbahnbetrieb des alten Systems besonders zuverlässig wäre", sagt Weselsky. "Alle Welt schaut nun nur noch auf die Neubautrasse. Dabei beweist die Bahn täglich, dass sie es auch auf den anderen 33 000 Kilometern nicht pünktlich hinbekommt."

Weselsky gibt auch der Unternehmensform der Bahn eine Mitschuld an den Problemen. "Man muss sich die Frage stellen, ob man Infrastruktur wirklich gewinnbringend betreiben kann. Ich glaube nicht. Wir machen uns gegenseitig vor, dass das eine AG ist, die Gewinne erwirtschaften soll. Aber in Wahrheit findet das gar nicht statt."

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