Deutsche Bahn Schlamperei auf den Gleisen

Heiß umkämpfter Gleisbaumarkt: Die Firmen unterbieten sich gegenseitig - und pfuschen. Die Unfallgefahr steigt.

Von Klaus Ott

Eine gehörige Portion Glück hatten kürzlich einige hundert Fahrgäste der Bahn im westfälischen Herne. Der Bahnhof ist eine Großbaustelle. Am 18.Juni schwenkte ein Bagger eine Schiene in ein Gleis, auf dem sich gerade ein Regionalzug näherte. Der Sicherungsposten, im Bahnjargon Sipo, hatte nicht aufgepasst. "Die Schiene hätte den Zug aufschlitzen können", sagt ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB). Aber der Lokführer reagierte rechtzeitig.

Elf Tage später wurde ein durchfahrender ICE auf ein Gleis geleitet, auf dem Bauzüge standen, das der Sipo aber freigegeben hatte. Eine Fahrdienstleiterin im Stellwerk verhinderte ein Unglück und der Lokführer konnte noch rechtzeitig bremsen. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA), das den Zugverkehr kontrolliert, legte die Baustelle zeitweise still. Die Bahn kündigte dem Sicherheitsunternehmen und beauftragte eine andere Firma. Seitdem gab es nach Angaben der Bahn keine neuen Vorkommnisse.

Herne sei kein Einzelfall, klagt Helmut Diener, Geschäftsführer des Vereins Mobifair, der aus den Bahngewerkschaften Transnet und GDBA hervorgegangen ist und sich für faire Arbeitsbedingungen und saubere Geschäfte in der Mobilitätsbranche einsetzt.

"Prekäre Ergebnisse"

An diesem Mittwoch will Diener Manager der Bahn bei einem Treffen in Frankfurt mit den "prekären Ergebnissen" eigener Untersuchungen konfrontieren. Immer wieder komme es vor, dass Sicherungsunternehmen schlampig arbeiteten, rügt Diener. In der Branche gebe es schwarze Schafe, die ihre Belegschaft ausbeuteten. Beschäftigte seien unzureichend ausgebildet oder wegen Doppelschichten überarbeitet, oft auch schlecht bezahlt. Mobifair hat schon etliche Firmen angezeig, darunter auch solche, die Schichtbücher und andere Dokumente gefälscht haben sollen, um Verstöße gegen die Arbeitszeit-Vorschriften zu verschleiern.

Weit über drei Milliarden Euro gibt die Bahn jährlich aus, um ihr Schienennetz zu sanieren. Der Gleisbaumarkt ist heiß umkämpft, die Firmen unterbieten sich gegenseitig. "Wir sind uns mit Mobifair einig, dass wir die schwarzen Schafe herausdrängen müssen", sagt ein Sprecher der Bahn-Tochter DB Netz, die sich um die Strecken kümmert.

Die Bahn sei aber keine "Ermittlungsbehörde", die Lohndumping und andere Verstöße selbst aufdecken könne. Es gebe auch kein Zentralregister unzuverlässiger Firmen. Einige Unternehmen, die Mobifair anprangert, bekommen inzwischen keine Aufträge mehr von der Bahn. Ein Betrieb aus Niederbayern etwa, der laut Mobifair seine Mitarbeiter bis zu 250 Stunden im Monat auf die Baustellen geschickt und Dumpinglöhne gezahlt habe.