Deutsche Bahn Probleme in Mainz waren lange bekannt

Tausende Überstunden und Hunderte Tage Resturlaub: Wegen Personalknappheit war der Mainzer Hauptbahnhof im August zeitweise komplett vom Fernverkehr abgekoppelt - und auch in anderen Städten gibt es Engpässe. Die Bundesregierung sieht sich nicht in der Verantwortung.

Von Daniela Kuhr

Die 18 Mitarbeiter im Stellwerk des Mainzer Hauptbahnhofs haben im Schnitt pro Person 120 Überstunden angehäuft und noch 28 Tage Resturlaub. Das geht aus einem Bericht des Bundesverkehrsministeriums hervor, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Er wurde für die Sondersitzung des Verkehrsausschusses an diesem Montag angefertigt. Bei der Sitzung sollen Bahnchef Rüdiger Grube und Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) den Verkehrspolitikern des Bundestags erklären, wie es dazu hatte kommen können, dass der Mainzer Hauptbahnhof im August zeitweise komplett vom Fernverkehr abgekoppelt war. Weil fünf Mitarbeiter krank waren und drei im Urlaub, konnten im Stellwerk über mehrere Wochen hinweg nicht mehr alle Schichten ausreichend besetzt werden.

In dem zweieinhalbseitigen Bericht des Bundesverkehrsministeriums heißt es, das Eisenbahn-Bundesamt habe festgestellt, dass "beim Stellwerkspersonal eine erhebliche Zahl an Überstunden" sowie "ein hoher Resturlaubsstand vorhanden" sei. Weiter geht aus dem Bericht hervor, dass zum einen die Probleme in Mainz schon lange vor August bekannt waren und zum anderen Engpässe auch in weiteren Regionen bekannt sind. So sind bei der Bundesnetzagentur bereits im Oktober 2012 Beschwerden eingegangen, weil es ähnliche Schwierigkeiten wie später in Mainz zum damaligen Zeitpunkt schon in Bebra, Zwickau und Friedrichssegen gegeben habe. "Bereits seit dieser Zeit sind wiederholt Beeinträchtigungen aufgrund von fehlendem Stellwerkspersonal auch im Bereich Mainz aufgetreten."

Bericht des Bunds sieht Bund nicht verantwortlich

In dem Bericht wird betont, dass der Bund "nur mittelbar" Einfluss auf die Bahn habe. Zwar sei er Alleineigentümer der Bahn, doch würden seine Handlungsmöglichkeiten durch das Aktiengesetz strikt begrenzt. "Die Verantwortung für den Eisenbahnbetrieb liegt allein bei der DB AG", heißt es weiter.

Der SPD-Verkehrsexperte Florian Pronold nannte den Bericht "eine Frechheit". Wie immer bei Ramsauer seien die anderen schuld, "nur nicht er selbst". Dabei habe sich der Bund in den vergangenen vier Jahren vom Gewinn der Bahn jeweils 500 Millionen Euro ausschütten lassen. Mit diesen "zwei Milliarden an Zwangsdividende" habe Schwarz-Gelb "die Bahn ausbluten lassen".

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, Anton Hofreiter (Grüne), erwartet, dass Ramsauer am Montag "klar darlegt, wie er die Bahn in Zukunft steuern will". Und die Bahn müsse klar darlegen, "wie sie solche Managementfehler künftig verhindern" wolle. Zwar seien Bahnchef Grube und Personalvorstand Ulrich Weber erst seit 2009 bei der Bahn, sodass man ihnen schwerlich die Schuld geben könne an solchen langfristigen Fehlplanungen beim Personal. "Aber der für die Infrastruktur zuständige Vorstand Volker Kefer ist bereits seit 2006 bei der Bahn", sagte Hofreiter. "Und zwar erst als Chef der Netz AG und später im Konzernvorstand." Kefer müsse sich durchaus die Frage gefallen lassen, "ob er auf dem richtigen Posten sitzt".

Bundesweit arbeiten in den Stellwerken der Bahn zur Zeit 12 500 Fahrdienstleiter. Bahnchef Grube hatte bereits im August angekündigt, dass die Bahn im Laufe dieses Jahres 600 neue Fahrdienstleiter ausbilden wolle. In der Fünf-Jahres-Planung sind weitere 1500 neue Stellen vorgesehen.

Nach dem Chaos in Mainz waren die Züge zunächst unter der Woche nur nach einem eingeschränkten Fahrplan gefahren. Von diesem Montag an sollen sie generell wieder im Normaltakt verkehren.

Der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Alexander Kirchner, warnte davor zu glauben, dass nun alle Probleme gelöst seien. "Für die Reisenden mag sich die Situation augenblicklich entspannt haben", für die Mitarbeiter der Bahn aber halte der Stress an. Nach wie vor werde "nur der Mangel verwaltet", sagte Kirchner. Der Gewerkschaftschef wird ebenfalls am Verkehrsausschuss teilnehmen.