Deutsche Bahn Mehdorn verschweigt weiteren Daten-Skandal

Neuer Daten-Skandal bei der Bahn: Der Konzern hat Angestellte weit stärker ausgeforscht als bisher bekannt. Bei einer Aktion wurden sogar die "Daten aller Mitarbeiter" mit Adressen und Bankverbindungen von Geschäftspartnern abgeglichen. Konzernchef Mehdorn hat das der Öffentlichkeit und der Belegschaft bislang verschwiegen - der Aufsichtsrat ist empört.

Von M. Bauchmüller u. K. Ott

Das neue Ausmaß der Affäre löste im Aufsichtsrat Entsetzen aus. Man sei "schockiert", hieß es in Aufsichtsratskreisen. Es sei unbegreiflich, dass der Vorstand nur "scheibchenweise" mit der Wahrheit über die Datenaffäre herausrücke. "Wir können nur den Kopf schütteln." Konzernchef Mehdorn komme aus dieser Affäre voraussichtlich nicht mehr heil heraus, hieß es weiter.

Vor einer Woche hatte der Anti-Korruptionsbeauftragte der Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, im Verkehrsausschuss des Bundestags zugegeben, dass der Konzern in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts Adressen und Kontonummern von 173.000 Mitarbeitern mit den Daten von 80.000 Lieferanten verglichen hatte.

Die Bahn wollte mögliche Scheinfirmen aufspüren, über die sich Beschäftigte selbst Aufträge zuschanzen oder Schmiergeld kassieren. Jetzt erfuhr der Aufsichtsrat, dass 2005 eine weitere Spähaktion in großem Stil folgte, bei der "alle Mitarbeiter" durchleuchtet worden seien. Das geht aus einem Brief hervor, den Achim Großmann, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und selbst Mitglied des Kontrollgremiums, an die anderen Aufsichtsräte geschrieben hat.

Das Schreiben ging am Dienstag bei diesen ein; es liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Großmann berichtet in dem Brief von einer Sitzung des Prüfungsausschusses im Aufsichtsrat, bei der die Bahn die zweite große Spähaktion eingestanden habe. An der Sitzung am vorigen Freitag hatte Mehdorn teilgenommen. Er musste nach Angaben aus Aufsichtsratskreisen jedoch erst herbeizitiert werden.

Großmann schreibt, der Prüfungsausschuss habe "nicht ausreichend" klären können, wer die zweite Massen-Überprüfung in Auftrag gegeben habe. Die anwesenden Vorstände hätten bestritten, zum Zeitpunkt der zweiten Aktion im Jahr 2005 davon erfahren zu haben.

Die Fragen des Prüfungsausschusses seien "nur unzureichend" beantwortet worden, rügt der Staatssekretär. Die Bahn teilte am Dienstagabend mit, bei der zweiten Aktion seien ebenso wie bei der ersten Überprüfung die Daten von 173.000 der mehr als 200.000 Mitarbeiter mit den Daten von Lieferanten abgeglichen worden.

Mehdorn gab am Dienstag in einem Brief an die Belegschaft erstmals Fehler zu. Es sei unnötig gewesen, zur Bekämpfung der Korruption "den Kreis der Mitarbeiter, die in den Datenabgleich einbezogen wurden, so weit zu ziehen". Auch sei es falsch gewesen, dieses Verfahren nicht mit Vertretern der Belegschaft besprochen und klar geregelt zu haben.

"Aus heutiger Sicht waren wir hier übereifrig, und es gab eine falsch verstandene Gründlichkeit." Dass es sich um zwei Aktionen gehandelt hat, erwähnte er nicht.

Wenige Tage, bevor die Bahn erst im Bundestag und dann im Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats nach und nach die beiden Spähaktionen eingestanden hat, hatte Mehdorn in einem Schreiben an Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) noch abgewiegelt. "Wir haben unserer bisherigen Darstellung des Sachverhalts nichts hinzufügen", schrieb Mehdorn. "Es gibt diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse."