Deutsche Bahn Bahnkunden drohen wegen etlicher Bauprojekte längere Fahrzeiten

Bauarbeiten an ICE-Strecke Hannover-Berlin.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • In Spitzenzeiten dürften 800 Baustellen pro Tag den Verkehr beeinträchtigen.
  • Die Folgen für Kunden sollen laut Bahn möglichst klein bleiben.
  • Einschränkungen lassen sich dennoch wohl nicht vermeiden.
Von Markus Balser, Berlin

Wer oft mit der Bahn fährt, kennt den Ärger. Mehr als jeder fünfte Fernzug des Konzerns kam im vergangenen Jahr zu spät an. Dabei hatte der neue Bahn-Chef Richard Lutz zu seinem Start vor zehn Monaten eigentlich versprochen, Reisende pünktlicher ans Ziel zu bringen. Die Bahn-Mitarbeiter würden sich auf die "Jagd nach jeder verlorenen Minute" machen, kündigte Lutz an. Nun wird bei der Bahn deutlich, dass die Jagd auch in diesem Jahr schwer werden wird.

Denn der Konzern muss sein marodes Schienennetz nach Informationen der Süddeutschen Zeitung mit rekordverdächtig vielen Baustellen auf Vordermann bringen. In diesem Jahr plant die Bahn, so viel in ihr Netz zu investieren, wie noch nie. Die Rekordsumme von 9,3 Milliarden Euro will der Konzern in mehr Verlässlichkeit seiner Anlagen stecken - rund zehn Prozent mehr als im auch schon baugeplagten Vorjahr. Gut fünf Milliarden Euro fließen davon in die Erneuerung von 1600 Kilometer maroder Gleise, 220 Brücken und über 1700 Weichen. Mit den weiteren vier Milliarden Euro will die Bahn 700 Bahnhöfe modernisieren und das Netz mit neuen Projekten ausbauen.

Die Folge: In Spitzenzeiten dürften 800 Baustellen pro Tag den Verkehr der Bahn beeinträchtigen. Von einer Herkulesaufgabe spricht der zuständige Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla. Denn wichtige Trassen wie die Strecken Hamburg-Hannover (6. Juli bis 6. August) oder Hannover-Göttingen (31. August bis 8. Dezember) und Kassel-Fulda (9. bis 24. Juni) werden wochenlang, teils sogar über Monate saniert. Im Süden sind die Strecken Würzburg-Nürnberg (vom 6. Juli bis zum 7. Oktober) Heidelberg-Stuttgart/Karlsruhe (vom 10. September bis zum 16. November) betroffen. In Westdeutschland die wichtigen Pendlerstrecken von Köln nach Düsseldorf (9. April bis 8. Oktober) und in Hessen die Trasse Kassel-Frankfurt (vom 9. bis 24. Juni).

Auf allen Baustrecken müssen Kunden laut Bahn während der Arbeiten mit längeren Fahrzeiten rechnen. Je nach Strecke müssen die Kunden von zehn Minuten bis zu einer halben Stunde ausgehen. Als Verspätung verbucht die Bahn diese Verzögerungen nicht, weil die größeren Bauvorhaben in den Fahrplan eingearbeitet werden. Das heißt: Züge fahren entweder früher los, oder brauchen schon laut Fahrplan länger. Die Bahn will deshalb an ihrem Ziel festhalten, die Pünktlichkeit der Fernzüge in diesem Jahr auf 82 Prozent zu steigern. Im vergangenen Jahr waren nur 78,5 Prozent pünktlich.

Wenig Hoffnung

Die Bahn verspricht, sie werde versuchen, die Folgen für Kunden in diesem Jahr möglichst klein zu halten. Um die Baustellen schneller abarbeiten zu können, will der Konzern 2000 neue Mitarbeiter einstellen. Mit der im vergangenen Jahr eingerichteten neuen Spezialeinheit "Lagezentrum Bau", die den gesamten Bereich zentral koordiniert, habe man die baustellenbedingten Verspätungen um zehn Prozent gesenkt. In Frankfurt versuchen 100 Planer seither, die Eingriffe in den Fahrplan möglichst klein zu halten.

Die Prognose der Bahn allerdings macht wenig Hoffnung. Auch in den nächsten Jahren werde die Zahl der Baustellen konstant hoch bleiben.

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