Deutsche Aktienkultur Die Deutschen lassen sich enteignen

Dazu passt, dass das Vermögen in Deutschland ungleicher verteilt ist als früher und mehr als jeder vierte Erwachsene nichts besitzt, oder nur Schulden. Die Bundesrepublik ist der bewunderte, beneidete und angefeindete Star der Euro-Zone - und nirgends unter den 18 Mitgliedern der Währungsunion ist das Vermögen zwischen Arm und Reich so ungleich verteilt. Das hat eine Reihe von Gründen, an denen vor allem die Politiker etwas ändern könnten, wenn sie wollten. Etwa die Steuersätze für Großverdiener. Aber es liegt eben auch daran, wie die Deutschen ihr Geld anlegen.

German Angst

Viele reichere Deutschen kaufen Aktien. Die meisten anderen investieren vor allem in Produkte, die gerade im Moment wegen der niedrigen Zinsen wenig abwerfen: Sparbücher (51 Prozent der Deutschen), Bausparverträge (37), Lebensversicherungen (35). Durch die Minizinsen entgehen den Bundesbürgern 15 Milliarden Euro im Jahr, rechnet Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon vor und spricht von einer "schleichenden Enteignung" durch die EZB.

Aber die Deutschen lassen sich eben auch enteignen. Weil sie Aktien scheuen, die langfristig mehr abwerfen als anderes: Die London Business School rechnete bis ins Jahr 1900 zurück und ermittelte eine Jahresrendite von fünf Prozent für Aktien. Und unter zwei Prozent für Anleihen.

Denken die Deutschen um, jetzt da der Dax erstmals 10 000 Punkte übersteigt und Geld auf dem Sparbuch schrumpft? Sieht nicht so aus. Die Zahl der Aktionäre schrumpfte nicht nur 2013. Seit zur Jahrtausendwende alle über Aktien redeten und die ARD den Dax ins Wohnzimmer zu schicken begann, sank die Zahl der Besitzer von Aktien oder Aktienfonds um vier Millionen. Für die Börse interessieren sich nur halb so viele 20- bis 40-Jährige wie damals. Das Platzen der Internetblase und die Finanzkrise haben sie abgeschreckt.

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Die zwei Milliarden Euro für die Deutsche Bank aus Katar sind kein Einzelfall: Immer mehr ausländische Investoren entdecken die deutschen Konzerne. Denn die stehen für Stabilität und Zuverlässigkeit - und die Politik hält sich weitgehend aus der Wirtschaft raus. Von Caspar Busse mehr ...

Der Züricher Professor Thorsten Hens, der das globale Investmentverhalten untersucht, hält die Deutschen für geeignete Aktienanleger. Weil sie ihr Geld langfristig deponieren. Und ein paar Jahre Geduld braucht es an der Börse, an der es auf und ab geht. "Das Problem ist nur: Die Deutschen können nicht mit Verlusten umgehen. Sobald sie verlieren, springen sie schnell raus", sagt Hens.

Seit dem Crash nach der Jahrtausendwende hat sich der Dax vervierfacht. Aber diese Gewinne fuhr nur eine Minderheit der Bundesbürger ein. Die anderen ließen sich vom Crash abschrecken, sie setzen auf Sicherheit. Was aktuell bedeutet, auf Zinsprodukten zu sitzen, mit denen sie unterm Strich Geld verlieren. Und das in einer Zeit, da der Staat die Renten kürzt und die Deutschen auf lohnende Geldanlagen angewiesen wären.

Teuer und billig

Wird jetzt doch mancher nachdenklich, nachdem der Dax am Donnerstag vor der Tagesschau über die 10 000er-Marke kletterte, während sich die Sparzinsen der 0,00er-Marke nähern? Es ist die Last der großen Zahl, die manchen schreckt. Stürzte der Dax nicht schon zweimal ab, nachdem er über 8000 Punkte gestiegen war? Zahlenmystiker sollten wissen, dass es in der Vergangenheit wenig bedeutete, ob ein Index eine runde Marke nahm oder nicht.

Aber sind die Kurse nicht schon stark gestiegen? Ja. Und Aktien sollten ohnehin kein Depot dominieren, sondern immer ein Investment unter mehreren sein. Aber für die Frage, ob die Aktien bereits überteuert sind, muss man sich schon die ökonomischen Faktoren ansehen.

Als im Jahr 2000 der Dax ins Wohnzimmer kam, gab es eine echte Blase. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das anzeigt, wie viele Gewinne der Firma pro Aktie im Kurs stecken, lag teils über 30 - da hätten die Firmen schon sehr lange viel Geld verdienen müssen, um solche Kurse zu rechtfertigen. Im Moment liegt dieses Verhältnis nur etwas mehr als halb so hoch und damit auch niedriger als im Schnitt der vergangenen 30 Jahre. Deutsche Aktien sind also nicht billig, aber keinesfalls überteuert.

Aber vermutlich wird der Dax auch weiter in die Wohnzimmer der Deutschen kommen wie ein lästiger Gast, den man schnell wieder vergessen will.