Roman Friedrich, Unternehmensberater bei Booz Allen Hamilton und Experte für Internetfragen, über die Chancen für Mittelständler durch einen Webauftritt und den Vorsprung der nordischen Länder.
Oft wird der deutsche Mittelstand gescholten, weil er das Internet nur zögerlich für sich nutzt - doch so schlecht ist es gar nicht bestellt um die Webpräsenz von kleinen und mittleren Unternehmen. Dennoch sorgen Berührungsängste bei den Firmeninhabern dafür, dass sie nicht alle Möglichkeiten des Mediums ausschöpfen.
Bild vergrößern
Unternehmensberater Roman Friedrich (© Foto:)
Anzeige
SZ: Lange hieß es, der Mittelstand verschlafe das Internet. Nutzen die kleinen und mittleren Unternehmen inzwischen die Chancen des jungen Mediums?
Friedrich: Die Botschaft über die Möglichkeiten des Internet hat die Chefetagen im Mittelstand erreicht. Viele Unternehmer haben erkannt, dass eine Präsenz im Netz den Kundenservice verbessern und Zugang zu neuen Zielgruppen bringen kann. So lassen sich bestehende Umsätze sichern oder sogar neue Umsatzquellen erschließen, und dass für vergleichsweise geringe Investitionen. Doch gerade in Deutschland gibt es bei vielen noch Berührungsängste. Unsere Nachbarn in den nordischen Ländern etwa sind deutlich weiter. Dort hat sprichwörtlich jeder Bäcker an der Straßenecke einen Webauftritt.
SZ: Wovor fürchten sich die Deutschen?
Friedrich: Um beim Beispiel zu bleiben: Länder wie Finnland liegen schon seit geraumer Zeit bei Entwicklungen im Telekommunikationssektor deutlich vorne. Die Manager in Deutschland haben zum einen schlicht später begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zum anderen ist die Verbreitung der Technik, zum Beispiel die Penetration mit Breitbandanschlüssen und auch Personal Computern, noch nicht so weit fortgeschritten wie in einigen der technikbegeisterten Nachbarländern.
SZ: Verlieren die hiesigen Unternehmer also den Anschluss?
Friedrich: Nein. Das Tempo mag unterschiedlich sein, aber die Deutschen werden aufschließen. So rechnen wir damit, dass die Durchdringung der Bevölkerung mit DSL-Breitbandanschlüssen in den westeuropäischen Staaten sich in spätestens vier Jahren angeglichen hat.
SZ: Dann kann bald auch jeder deutsche Bäcker eine virtuelle Filiale ins Netz stellen? Aber wozu eigentlich?
Friedrich: Weil die Klientel des Bäckers sich heutzutage in erster Linie über das Internet informiert. Der Kunde schaut online nach den Öffnungszeiten des Ladens, oder welche Produkte verfügbar sind - rund um die Uhr. Darüber hinaus kann auch der Besitzer eines noch so kleinen Tante-Emma-Ladens internetbasierte Geschäftsmodelle entwickeln, die sein Geschäft vor Ort ergänzen. Er kann etwa Bestellungen aus dem Netz entgegennehmen und gegen Aufgeld nach Hause liefern lassen. Zu sagen, ein Unternehmen müsse nicht online präsent sein, weil es zu geringe Umsätze habe oder lokal nur sehr begrenzt Geschäfte treibt, greift jedenfalls viel zu kurz.
SZ: Dennoch ähneln Auftritte kleinerer Unternehmer häufig lediglich einer virtuellen Visitenkarte.
Friedrich: Ein solches rudimentäres Informationsangebot kann ein erster Schritt bei der Präsenz im Internet sein. Viele Unternehmen bleiben dabei allerdings stehen und verschenken Potential. Das Problem bei kleineren Betrieben besteht häufig darin, dass es niemanden gibt, der sich um das Thema kümmern könnte. Allerdings gibt es gerade im Internetbereich viele kleine, lokale Web-Agenturen, die helfen können.
SZ: Wer sollte denn zuständig sein für den Internetauftritt? Der Chef selbst?
Friedrich: Bei den ersten Planungen ist es sicher sinnvoll, wenn der Geschäftsführer selbst die Strategie der Internetpräsenz mitbestimmt. Außerdem hat das Thema dann gleich den nötigen Druck, um im gesamten Unternehmen akzeptiert zu werden. Allerdings würde ich nie einem Mittelständler empfehlen, eine Internetseite selbst zu programmieren. Dafür gibt es Spezialisten. Auch der Betrieb der Webserver gehört sicher in der Regel nicht zu den Aufgaben eines kleinen Unternehmens. Der Firmeninhaber sollte schauen, wo die eigenen Kernkompetenzen liegen, was man am besten kann, und alles andere nach außen geben.
SZ: In jüngster Zeit war viel die Rede vom Mitmachinternet, dem Web in seiner zweiten Version. Ist das auch ein Thema für den Mittelstand?
Friedrich: Beim Web 2.0 geht es darum, dass die Inhalte von den Konsumenten selbst bestimmt und erstellt werden. Das Thema hat sich zu einem Massenphänomen im Netz entwickelt vor allem bei bestimmten Zielgruppen. Kunden bis zu einem Alter von circa 35 Jahren gestalten besonders gerne aktiv Seiten im Internet. Wer auf diese Käuferschicht zielt, sollte verstärkt darüber nachdenken, Web 2.0-Elemente in seinen Internetauftritt einzubeziehen.
SZ: Was bringt dem Mittelständler ein Internetauftritt in Web 2.0-Manier?
Friedrich: Er kann beispielsweise in einem Blog, also einer Art Online-Tagebuch, aktuelle Produkte testen. Seine Kunden sind dann immer über die Neuigkeiten informiert und können selbst in einem Forum Meinungen zum Produkt hinterlassen. Das verschafft dem Unternehmer einen günstigen Zugang zu lokaler Marktforschung und den direkten Draht zur Klientel. Er ist nicht mehr auf die traditionelle Form des Kundenfeedback angewiesen, das sich seinen Weg über den Handel, den Außendienst, den Vertriebsinnendienst hin in die Chefetage bahnen musste.
(SZ vom 03.01.2008/sho/mah)
Machtkampf in der Linken