Der Fall Deubel Dreieinhalb Jahre Gefängnis wegen Naivität

Der ehemalige rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel vor dem Urteil im Landgericht in Koblenz

(Foto: dpa)

Machtmissbrauch aus Gier - das ist normalerweise das Motiv, das Richter dazu bringt, Angeklagte wegen Untreue ins Gefängnis zu schicken. Im Fall des früheren rheinland-pfälzischen Finanzministers Ingolf Deubel ging es höchstens um Selbstüberschätzung.

Ein Kommentar von Detlef Esslinger

Der frühere Finanzminister von Rheinland-Pfalz, Ingolf Deubel, ist nach Meinung des Landgerichts Koblenz ein Krimineller. Dreieinhalb Jahre Haft wegen Untreue haben die Richter ihm auferlegt; dies ist nicht nur überaus bitter für den Mann, sondern auch einer der seltenen Fälle, in denen man mit einem Verurteilten Mitleid empfinden kann.

Was sind denn sonst die Taten, die Menschen eine Verurteilung wegen Untreue einbringen? Vor zwei Wochen wurde der Präsident eines Golfklubs bei Heilbronn zu 22 Monaten auf Bewährung verurteilt, er nutzte Geld des Vereins für private Zahlungen. In Salzburg erhielten im Februar zwei Ex-Chefs der Osterfestspiele jeweils mehr als drei Jahre Haft; in dem Prozess ging es um ungerechtfertigte Provisionen und Gehälter.

Oder, spektakulärer: die achteinhalb Jahre Haft wegen Bestechlichkeit und Untreue, die der frühere Bayern-LB-Vorstand Gerhard Gribkowsky derzeit absitzt. Und nächste Woche steht in München der Formel-1-Impresario Bernie Ecclestone vor Gericht, der Mann, der ihn bestochen und angestiftet haben soll. Heilbronn, Salzburg, München - drei grundverschiedene Fälle, aber mit einer Gemeinsamkeit: In allen geht es um Bereicherung, der Vorwurf ist, dass Menschen die Verfügungsgewalt über fremdes Vermögen mehr oder weniger aus Gier missbraucht hätten.

Er hat sich nicht bereichert. Trotzdem soll er ins Gefängnis

Im Fall Deubel aber unterstellen dies nicht einmal das Gericht oder die Staatsanwaltschaft. Deubel hatte als Finanzminister des SPD-Ministerpräsidenten Kurt Beck dessen ehrgeizigstes Projekt, einen Freizeitpark am Nürburgring, zu managen. Dies ging auf groteske Weise schief.

Deubel, der bis dahin unter Finanzpolitikern einen Ruf wie Donnerhall hatte, fiel auf einen windigen Geschäftsmann nach dem anderen herein. Einmal präsentierte er gar einen US-Milliardär als Finanzier, nur dass der Mann gar nichts davon wusste. Die ganze Nürburgring-Geschichte hätte einen wunderbaren Plot für eine dieser Wirtschaftskomödien von Dieter Wedel abgegeben. Dann wäre es harmlose Unterhaltung gewesen. So kostete und gefährdete sie das Geld der Steuerzahler in Rheinland-Pfalz.

Was kann man lernen daraus? Der Staat muss Brücken bauen, aber keine Freizeitparks. Wenn sich dafür nicht von alleine ein seriöser Investor meldet, ist dies ein sicheres Indiz, dass solch ein Park nicht lohnt. Zudem belegt der Fall aufs Neue die These, dass wenig so gefährlich ist wie dauerhafter Erfolg: Deubel wurde zum Verhängnis, dass er sich der hohen Meinung anderer über ihn immer gern anschloss. Als er dann vielleicht ahnte, dass der Nürburgring ihm über den Kopf wuchs, versuchte er, falsche Entscheidungen mit immer neuen falschen Entscheidungen ungeschehen zu machen. Und kein Beck wagte es, das Genie des Ministers anzuzweifeln.

Nun verliert Deubel womöglich Freiheit und Pensionsansprüche; zudem könnten Gerichts- und Anwaltskosten sowie Schadenersatzansprüche ihn ruinieren. Was für ein Preis, nur weil einer das Beste wollte und zu viel von sich hielt.