Demo bei Conti "Wir wollen nicht krepieren"
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Continental bekommt im Zuge der Werksschließung in Frankreich den Unmut der Arbeiter zu spüren - sie demonstrieren zum Auftakt der Hauptversammlung in Hannover.
Sie sind aufgebracht, und die Aktionäre sollen es spüren. Mehrere hundert Conti-Mitarbeiter aus dem nordfranzösischen Clairoix haben sich auf den Weg nach Deutschland gemacht, um auf der Hauptversammlung von Conti an diesem Donnerstag in Hannover gemeinsam mit deutschen Kollegen gegen die Werksschließungen in beiden Ländern zu demonstrieren. "Das ist unser letztes Ehrengefecht", sagte ein Mitarbeiter vor dem Werkstor.
Protest in Hannover: Hunderte Conti-Mitarbeiter aus Frankreich reisten zur Hauptversammlung an.
(Foto: Foto: ddp)An ihren Arbeitsplatz durften die Beschäftigten nicht. Das Werk blieb am Mittwoch geschlossen. Aus "Sicherheitsgründen". Denn am Vorabend hatten Mitarbeiter die Fenster der Empfangshalle zertrümmert und das Mobiliar zerstört. Zuvor randalierten sie in der nahe gelegenen Unterpräfektur von Compiègne.
Dort überkam CGT-Gewerkschaftsführer Xavier Mathieu der Zorn, als er am Telefon erfuhr, dass ein Gericht die Klage der Belegschaft gegen die Werksschließung abgeschmettert hat. Verärgert stieß er mit Kollegen vor laufenden Kameras Computer und Aktenordner von den Tischen, mit Stühlen schlugen sie Fensterscheiben ein.
Schluss mit Bravsein
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"Fünf Wochen lang sind wir brav geblieben, heute ist es damit vorbei", dröhnte Mathieu anschließend unter dem Johlen von mehreren hundert Beschäftigten ins Mikrophon. Bis zu den Abendnachrichten, zu denen er live zugeschaltet wurde, hatte er sich nicht beruhigt. Ob er seinen Wutausbruch bereue?
"Sie machen wohl Witze", entgegnete er. "Was soll ich bereuen. Ein paar kaputte Computer? Was ist das schon im Vergleich zu mehr als 1000 zerstörten Leben? In einem Monat sitzen wir und unsere Familien auf der Straße. Wir wollen aber nicht krepieren. Deswegen werden wir weitermachen."
Einen so unverhohlenen Aufruf zu zivilem Ungehorsam und Sachbeschädigung hat in den seit Wochen sich aufschaukelnden Arbeitskonflikten noch kein Gewerkschafter vor ein Millionenpublikum zu lancieren gewagt. Es braut sich etwas zusammen in Frankreich, und die Regierung scheint dagegen machtlos zu sein. An diesem Donnerstag wollen Mitarbeiter der beiden großen staatlichen Strom- und Gaskonzerne abermals die Leitungen von Hunderttausenden Kunden kappen, um für höhere Löhne zu demonstrieren. Bei ihren Protestzügen verlesen sie Erklärungen, schwenken rote CGT-Fahnen und recken die Fäuste in die Höhe.
Geiselnahmen und Hungerstreiks
In Südfrankreich ging am Dienstagabend die bislang neunte Geiselnahme von leitenden Angestellten binnen fünf Wochen unter Tumult zu Ende. "Verschwindet, ihr Gauner", riefen Dutzende Mitarbeiter der Elektronikfirma Molex, als die beiden Leiter des Werks, das geschlossen werden soll, die Fabrik nach 25 Stunden verließen. Dann intonierten die Arbeiter die "Marseillaise". Auch die Serie von Hungerstreiks hält an. In Limoges versagen sich seit Donnerstag vier Gewerkschafter die Nahrung, um Entlassungen in der Großfleischerei Madrange abzuwenden.
Die Regierung konnte bisher nur die wegen der EU-Fangquoten aufgebrachten Fischer im Norden mit einer Vier-Millionen-Euro-Spritze besänftigen, vorübergehend jedenfalls. Machtlos wie bei den Arbeiterprotesten wirkt sie auch gegenüber den seit Monaten andauernden Blockaden der Universitäten. Es gebe das "Risiko einer Revolution in Frankreich" orakelte Ex-Premierminister Dominique de Villepin, ein Intimfeind des Präsidenten.
Nicolas Sarkozy kündigte vorsorglich ein Vermummungsverbot an. Villepin-Nachfolger François Fillon versprach seinerseits, rechtliche Schritte gegen die Randalierer bei Conti einzuleiten, mühte sich aber auch, zwischen den Fronten zu vermitteln. Gewerkschafter Mathieu hält das für aussichtslos. Er reist lieber nach Hannover. Sachschaden nicht ausgeschlossen.