Debatte um Reinheitsgebot Koriander, Erdbeeren und Schokolade im Bier

Der Bierkonsum der Deutschen im Wandel der Zeit: Erst Export, dann Pils und Weißbier, jetzt Craft Beer.

(Foto: Carla Gottgens/Bloomberg)
  • In Deutschland grassiert die Biermüdigkeit. In den 1980er-Jahren hat jeder Deutsche pro Kopf 151 Liter Bier im Jahr getrunken. Jetzt sind es noch 107 Liter.
  • Ist das Reinheitsgebot an der Entwicklung mit schuld, weil es die Entstehung neuer Biere behindert?
Von Markus Zydra

Im Nebenberuf vertreibt Martin Dambach feine Biere. In Stuttgart lauscht er interessiert einer Debatte darüber, ob es nach fast 500 Jahren Reinheitsgebot nicht genug sei und man diesen Grundsatz der deutschen Bierbrauer reformieren müsse. Die Veranstalter des Baden-Württembergischen Brauertags hatten Mut, als sie das umstrittene Thema erstmals öffentlich diskutieren ließen. Und das in diesen unruhigen Zeiten: Bierkonzerne schließen sich zusammen, der Konsum geht zurück, viele haben Probleme, die kleinen innovativen Brauer aber gewinnen.

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Die meisten haben an diesem Nachmittag ein Glas Bier in der Hand, es sind fast nur Männer anwesend. Dambach meldet sich zu Wort und erzählt in breitem Schwäbisch von seiner "Biermüdigkeit", unter der er jahrelang gelitten habe. Das Angebot in Deutschland war langweilig. "Ich hatte keine Lust mehr, nach dem zweiten auch noch das dritte und vierte Weizen zu trinken." Oliver Wesseloh auf dem Podium nickt verständnisvoll. Der Gründer der Kreativbrauerei Kehrwieder war mal Weltmeister der Bier-Sommeliers. Er steigt in den Ring mit Hans-Georg Eils, Präsident des Deutschen Brauer-Bundes. Wesseloh sagt, das Reinheitsgebot müsse reformiert werden und schlägt ein entsprechendes Bundesgesetz vor, in dem dann ein "Natürlichkeitsgebot" den Kanon von 1516 auf den neuesten Stand bringt. Eils, ein ruhiger und besonnener Mann, meinte nur: "Sie träumen ja."

Der Bierkonsum hat sich schon immer verändert. Früher trank der Deutsche Export, dann kamen Pils und Weißbier in den Kühlschrank. Doch das Angebot reizt die Leute immer weniger. Die Biermüdigkeit grassiert. In den 1980er-Jahren hat jeder Deutsche pro Kopf 151 Liter Bier im Jahr getrunken. Jetzt sind es noch 107 Liter. Ist das Reinheitsgebot an der Entwicklung mit schuld, weil es die Entstehung neuer Biere behindert? "Das Reinheitsgebot ist höchster Verbraucherschutz", glaubt Eils und verweist auf die vielen Malz-, Hopfen- und Hefesorten, die den Braumeistern "millionenfache Möglichkeiten" böten.

"Viele gute Biere lassen sich wegen des Reinheitsgebots nicht herstellen", kontert Wesseloh. Er möchte auch Koriander, Kastanien, Nüsse, Schokolade, Himbeeren oder Erdbeeren im Bier haben. Ein in Deutschland auf diese Weise gebrautes Getränk dürfe aber nicht als "Bier" verkauft werden. Das Reinheitsgebot erlaubt nur den Einsatz von Malz, Hopfen, Hefe und Wasser. Der Deutsche Brauer-Bund meint, das Reinheitsgebot sei in der "DNA" der Deutschen verankert. Das werfe man nicht einfach weg, nur um Koriander ins Bier zu mischen. Der Weg zum "Panschen" sei dann vorgezeichnet. Einer sagte, der Rummel um das experimentelle Craft-Bier gehe auch wieder vorbei: "Am Ende bestellen alle wieder gewöhnliche Bratkartoffeln."

In der deutschen Craft-Bier-Szene verweist man jedoch auf die USA, wo das Handwerksbier bereits einen Marktanteil von zwölf Prozent erkämpft hat. Auch in Deutschland steigt die Bereitschaft der Kundschaft, mehr Geld zu bezahlen, wenn das Bier anders und kräftiger schmeckt. Bierbrauer wie Wesseloh haben Biertrinker wie Dambach von der "Biermüdigkeit" befreit. "Es ist natürlich falsch zu glauben, dass nur Bier, das nach dem Reinheitsgebot gebraut wurde, gutes Bier ist", räumt Eils ein. Aber soll man deshalb dieses Alleinstellungsmerkmal opfern?

Hinter der Debatte lauert ein juristisches Problem. Der Brauer-Bund sagt, dass die Klage eines deutschen Brauers vor dem Europäischen Gerichtshof reichen würde, um das Reinheitsgebot zu kippen. Dann würde das als lasch empfundene Europäische Recht gelten. Wesseloh meint: "Wenn ihr das Reinheitsgebot nicht reformiert, dann klagt bald jemand." Beim Brauer-Bund fürchtet man umgekehrt, dass Traditionalisten klagen würden, wenn man das Reinheitsgebot erweitere. Sicher ist, dass Bier in manchen Kreisen mittlerweile so kundig getrunken wird, wie man es sonst beim Wein kennt. Auf den Anlass kommt es an. "Ich möchte manchmal ein Bier als Durstlöscher, mal eines zum Essen oder später am Abend ein Absacker-Bier", sagt Dambach und nahm einen Schluck von seinem Nachmittagsbier.

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