Debatte über Mindestlohn Die hässliche Seite der Aufstocker-Statistik

Unternehmen halten zunehmend die Löhne mit Absicht niedrig. Der Staat zahlt dann zusätzlich Hartz IV und subventioniert so indirekt Lohndumping - auf Kosten von Firmen, die ihre Leute ordentlich bezahlen. Das spricht für einen allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohn.

Ein Kommentar von Thomas Öchsner

Schon wieder bewegt eine Zahl von der Bundesagentur für Arbeit die Gemüter der Nation: In immer mehr Haushalten in Deutschland hat ein Arbeitnehmer einen sozialversicherungspflichtigen Teilzeit- oder Vollzeitjob, verdient damit aber so wenig, dass der Staat Hartz IV drauflegen muss. Ist das ein Skandal? Die Antwort lautet: nicht nur.

Viele dieser sogenannten Aufstocker würden gerne 35 Stunden oder mehr arbeiten. Sie können jedoch nicht, weil sie gesundheitlich eingeschränkt sind, es für ihre Kinder nicht genügend Betreuungsmöglichkeiten gibt oder schlichtweg ihr Arbeitgeber für sie nicht mehr Arbeit hat. Wenn sie so wenig Geld nach Hause bringen, liegt dies also nicht allein an einem extrem geringen Stundenlohn.

Manche Firmen raten ganz offen, zusätzlich Hartz IV zu beantragen

Die Aufstocker-Statistik hat allerdings auch eine andere, hässliche Seite: Es gibt offenbar zunehmend Unternehmen, die ihre Löhne mit Absicht niedrig halten, obwohl sie mehr zahlen könnten. Solche Arbeitgeber raten ihren Beschäftigten teilweise ganz offen, zum Jobcenter zu gehen und zusätzlich Hartz IV zu beantragen.

Indirekt wird damit Lohndumping vom Staat subventioniert - auf Kosten von Konkurrenten, die ihre Leute ordentlich bezahlen, so im Preiskampf nicht mehr mithalten können und dadurch Aufträge verlieren. Das aber spricht für einen allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohn, der zumindest mit Stundenlöhnen von vier, fünf oder sechs Euro Schluss macht.