DAX Ein Börsenrekord nach dem anderen - und kaum jemand macht mit

Die Frankfurter Börse mit der steigenden Dax-Kurve im Hintergrund. Das Bild stammt allerdings aus dem Mai 2013. Ein Foto vom neuen Rekordstand am Dienstag gibt es nicht.

(Foto: Lisi Niesner/Reuters)
  • Seit acht Jahren geht der Aktienindex aufwärts, doch Euphorie bleibt bei den Anlegern aus.
  • Experten halten die Zurückhaltung für ein positives Signal: Der Aufschwung ist wohl noch nicht vorbei.
Von Harald Freiberger

"An der Börse knallten die Sektkorken." Das war früher der Standardsatz, wenn der Deutsche Aktienindex (Dax) wieder einmal einen Rekord eingestellt hatte. Häufig gab es dazu auch ein Foto, das im Vordergrund ein gefülltes Sektglas und im Hintergrund die Dax-Kurve an der großen Anzeigetafel der Frankfurter Börse zeigte. Am Dienstag kam es mal wieder zu einem solchen Rekord. Der Dax, der die 30 größten deutschen Aktienunternehmen zusammenfasst, stieg bis auf 13 596 Punkte, 71 Punkte höher als beim vorigen Rekord Anfang November.

Geknallt hat es aber nicht auf dem Börsenparkett. Es gab keinen Sekt, es gab nicht einmal einen Fotografen, der die Dax-Kurve abgelichtet hätte, und das ist schon wieder rekordverdächtig: Der neue Höchststand könnte als der am wenigsten fotografierte Rekord in fast 30 Jahren Dax-Jahren in die Börsengeschichte eingehen. "Hier wird nicht gefeiert", stellte ntv-Reporter Frank Meyer nüchtern fest.

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Mit einer merkwürdigen Zurückhaltung nehmen es die Anleger zur Kenntnis, dass das deutsche Börsenbarometer seit 2008 einen Gipfel nach dem anderen erklimmt. Die Kurse haben sich seitdem mehr als verdreifacht. Die Zahl der deutschen Anleger, die in Aktien investiert, dagegen ist in dieser Zeit konstant geblieben. Auch die Umsätze im Dax waren schon deutlich höher. Stell dir vor, die Börse boomt, und keiner geht hin.

Die Zurückhaltung registriert auch Joachim Goldberg, der die Stimmung der Anleger jede Woche in einer Kurve zusammenfasst. Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Börse, besonders mit Fragen der "Behavioral Finance", also der Psychologie der Anleger. Am Mittwoch präsentierte er wieder neue Zahlen. Demnach sind professionelle Investoren derzeit auf der Skala von minus 100 für sehr pessimistisch bis plus 100 für sehr optimistisch gerade einmal bei 9. Bei Privatanlegern liegt der Wert bei 23, auch das ist weit von Euphorie entfernt. "Man glaubt kaum, wie skeptisch die Leute sind", sagt Goldberg.

Ein verwunderlicher Boom

Das registriert auch Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, der Fondsgesellschaft aller Sparkassen. "Die Psychologie ist heute eindeutig anders als bei früheren Höhenflügen an der Börse", sagt er. Er vermisst jegliche Euphorie, es sei ein Boom, "bei dem die Anleger ein schlechtes Gewissen haben". Ein vielsagendes Beispiel ist für ihn der gewaltige Kursanstieg der Kryptowährung Bitcoin. "Früher wäre das mit naivem Glauben begleitet worden, heute spürt man dagegen tiefe Skepsis." Für Kater ist es die erste Blase an einer Börse, die schon beim Entstehen erkannt wurde. Nicht einmal die Blasen sind mehr das, was sie mal waren - ein Zeichen für den Stimmungsumschwung, den es in den vergangenen Jahren an den Finanzmärkten gab.

Umso verwunderlicher ist das, weil der Boom bereits seit fast neun Jahren anhält. Als die US-Investmentbank Lehman im September 2008 pleiteging, stürzten die Aktienkurse ab, doch schon im Frühjahr 2009 ging es wieder aufwärts. Seitdem waren alle wichtigen Aktienindizes der Welt jedes Jahr im Plus, meist sogar im zweistelligen Bereich, mit nur einer Unterbrechung im Jahr 2011, als die Euro-Krise eskalierte. Noch viel deutlicher als der Dax ist der US-Index S & P 500 gestiegen (Grafik). Der schlechten Stimmung der Anleger tat das aber offensichtlich keinen Abbruch.

Chefökonom Kater macht als Hauptursache dafür aus, dass die Anleger seiner Meinung nach "abgehärtet sind". Sie hätten zweimal in kurzer Folge - von 2000 bis 2002 und 2008/09 - Börsencrashs erlebt. Solche Einbrüche habe es davor vielleicht einmal in einem Arbeitsleben gegeben. Besonders nach Ausbruch der Finanzkrise waren Weltuntergangs-Szenarien verbreitet. Daraus hat sich bei vielen eine stark negative Sicht auf die Wirtschaft im Allgemeinen und die Börse im Besonderen eingegraben. Man traut ihnen nicht mehr über den Weg. "Viele haben in ihrer negativen Sicht gar nicht wahrgenommen, dass Wirtschaft und Börse schon seit Jahren boomen", sagt Kater.

Weit verbreitet ist bei Anlegern auch die Meinung, die Aktienkurse seien so stark gestiegen, dass sie jetzt nur noch fallen könnten. Das Argument lässt jedoch außer Acht, dass wegen der guten Konjunktur die Gewinne der Unternehmen stark gestiegen sind. Deshalb sind Aktien im Vergleich heute nicht viel teurer als vor einigen Jahren, besonders in Deutschland gilt das. "Derzeit herrscht bei Anlegern eher die Angst davor, zu viel zu bezahlen", sagt Goldberg - im Unterschied zu früheren Boomzeiten, als die Sorge überwog, etwas zu verpassen.

Zurückhaltung als Vorteil?

Die wichtigsten Faktoren für den Boom der Aktien sind die niedrigen Zinsen und die gute weltweite Konjunktur. Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Inflation langfristig niedrig bleibt; deshalb erwartet man, dass die Notenbanken bei der Wende zu höheren Zinsen weiter behutsam vorgehen. Und bei der Konjunktur deutet nichts deutet darauf hin, dass sich die bisher gute Lage in diesem Jahr ändert. Deshalb sehen die meisten Experten auch die Entwicklung an den Börsen positiv.

Kater kann sich zwar vorstellen, dass der Dax im Verlauf des Jahres zehn bis 15 Prozent an Wert verliert. Nach dem starken Anstieg wäre das eine "natürliche Korrektur". Doch langfristig sieht er die Ampeln an der Börse weiter auf Grün. Ende 2018 erwartet er einen Dax-Stand in jetziger Höhe, danach könne es weiter nach oben gehen. Die meisten anderen Beobachter sind optimistischer: Sie prognostizieren beim Dax bis Ende des Jahres 14 000, einige sogar 15 000 Punkte.

Stimmungsforscher Goldberg hält auch die grassierende Zurückhaltung der Anleger für einen positiven Faktor: "Sie zeigt, dass viele noch gar nicht an der Börse investiert sind, deshalb ist bei den Kursen noch Luft nach oben", sagt er. Vorsichtig müsse man erst werden, wenn an der Börse Euphorie zu spüren sei, "wenn die Sektkorken knallen". Das aber tun sie gerade nicht.

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