Krise? Welche Krise? Die Banken wollen keine Lehren ziehen. In Davos wurden Schwächen des Finanzsystems nur angerissen.
Wenn man Davos als Maßstab dafür nimmt, wie es um die Weltwirtschaft bestellt ist, so lautet die Diagnose: Der Patient ahnt, dass er krank ist und es sich nicht bloß um eine Erkältung handelt. Doch er will nicht wahrhaben, dass ihm eine Lungenentzündung droht, falls er sich nicht bald in Behandlung begibt.
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In Davos wurde viel diskutiert- aber nicht genug über die Finanzkrise. Warum? (© Foto: AFP)
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Noch nie war das Treffen in den Schweizer Bergen in einer derart turbulenten Woche an den Finanzmärkten wie in diesem Jahr. Doch diese Krise hinterließ in Davos keine bleibenden Spuren. Dabei ist es eigentlich das Ziel der Macher, die großen Probleme dieser Welt anzugehen. Und so diskutierte man wie gehabt auch über den Friedensprozess im Nahen Osten, über Klimaschutz, Energieversorgung und Welthandel. Doch die brennendste Frage, die sich die Anhänger der Marktwirtschaft derzeit stellen müssten, blieb weitgehend ausgeblendet: Was läuft falsch im globalen Finanzsystem? Wo haben Banken und Fonds in den vergangenen Jahren überdreht? Und was muss sich von Grund auf ändern?
Allenfalls in Hinterzimmern wurde vorsichtig darüber diskutiert, nicht aber in offener Runde - und schon gar nicht in der Deutlichkeit, die notwendig wäre. Der Crash, zum Teil befördert durch einen einzelnen waghalsigen Händler, hätte Anlass zu einer kritischen Debatte sein müssen, ob man sich auf die Kontrollmechanismen der Banken noch verlassen kann - und damit auf die Banken als solche. Stattdessen wurden die Taten des Händlers Jérôme Kerviel als Einzelfall hingestellt. Bedauerlich, aber kein Anlass für generelle Selbstzweifel.
Schwächen des Weltfinanzsystems nur gestreift
Auch eine andere Schwäche des Weltfinanzsystems wurde nur gestreift: Ist es legitim, dass die Banken milliardenschwere Risiken aus ihrer Bilanz auslagern und in Steuerparadiesen verstecken? Haben sie damit nicht den Anlass für diese Krise geschaffen? Die Geldhäuser verteidigen sich damit, dass ohne die Kredite, die außerhalb der Bilanz vergeben wurden, die Weltwirtschaft in den letzten Jahren nicht so schnell gewachsen wäre. Das ist einerseits richtig. Andererseits haben die Banken damit das klassische System der Geldschöpfung ausgehebelt. Bis weit in die 90er Jahre konnten die Zentralbanken relativ genau steuern, welche Geldmenge einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht und was dieses Geld kostet. Die Notenbanker hatten dazu zwei Instrumente in der Hand - zum einen die Mindestreserve, die vorschreibt, wie viel Geld die Banken für jeden Kredit vorhalten müssen, zum anderen die Zinsen, die den Preis des Geldes beeinflussen - und damit am Ende auch die Inflationsrate.
Das Instrument der Mindestreserve versagt jedoch, wenn ein beträchtlicher Teil der Kredite nicht mehr in den Büchern der Geldhäuser auftaucht. Stattdessen haben die Banken die Geldmenge erheblich kräftiger ausgeweitet, als den Notenbanken lieb sein kann; und weil das viele Geld ja auch ausgegeben wird, steigt die Inflation inzwischen schneller als erwünscht.
Auch das zweite Instrument der Notenbanken, der Zins, hat im Zeitalter der entfesselten Finanzmärkte an Einfluss verloren. Dies zeigt die geradezu verzweifelte Entscheidung der amerikanischen Notenbank. Sie senkte die Zinsen so stark wie seit 25 Jahren nicht mehr. Doch die Federal Reserve tat dies nicht, um die amerikanische Wirtschaft vor einer Rezession zu bewahren - sondern die Aktienmärkte vor dem Absturz. Eigentlich jedoch sollen sich Notenbanken nur um das Wachstum und die Inflation kümmern; es gehört nicht zu ihren Aufgaben, Spekulanten vor Verlusten zu schützen.
Reich machendes Systemversagen
Natürlich kann man hiergegen einwenden, dass ein Crash die globale Wirtschaft empfindlich getroffen hätte; denn er hätte die eine oder andere Bankenpleite zur Folge gehabt. Wenn man dieses Argument allerdings genauer betrachtet, gelangt man schnell zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurück: Sind die Banken im Glauben, jedes Risiko lasse sich anderswo ablagern, zu weit gegangen?
All dies hätte man in Davos ausführlich diskutieren und daraus Lehren ziehen können. Doch welcher Banker räumt schon gerne ein, dass jenes System, das so viele so lange so reich gemacht hat, ein paar grundlegende Probleme hat?
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(SZ vom 28.01.2008/ang/mah)
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