Von Silvia Liebrich

Viele Fragen, keine Antworten: In bekannter Weise verweigert das Management von Lidl die Aufklärung der Datenschutzaffäre - und hüllt sich in Schweigen.

Es hat sich wenig geändert am Führungsstil im Hause Lidl. Ein Jahr nach dem großen Bespitzelungsskandal steht der Discounter erneut in der Kritik. Und wieder geht es um das illegale Ausspionieren von Beschäftigten, genauer gesagt von deren Gesundheitszustand. Aus der Chefetage des Handelskonzerns war zu der neuen Affäre bislang wenig zu hören - auch das ist nichts Neues.

Lidl, dpa

Ein Jahr nach dem großen Spitzel-Skandal steht Lidl erneut in der Kritik - doch die Konzernführung schweigt. (© Foto: dpa)

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Lediglich der Deutschland-Chef wurde in aller Eile ausgewechselt, als Konsequenz der jüngsten Vorwürfe zum Datenschutz, wie es in einer mageren Begründung des Unternehmens hieß. Keine Angaben dazu, wer die Aufzeichnungen in Auftrag gab und wozu sie genutzt wurden. Keine öffentliche Entschuldigung gegenüber den 50.000 Beschäftigten, die hierzulande für den Discounter arbeiten. In der Firmenzentrale heißt es lediglich, man habe die Mitarbeiter in einer "internen Stellungnahme eingehend über den gesamten Sachverhalt informiert".

Zu spät reagiert

Auch Klaus Gehrig, Aufsichtsratschef der Lidl-Stiftung und enger Vertrauter des Firmengründers Dieter Schwarz, scheint abgetaucht zu sein. Es ist gerade einmal ein Jahr her, da zog er durch Talk-Shows und versprach Besserung, nachdem bekannt geworden war, dass der Discounter Mitarbeiter mit Hilfe von Detektiven und versteckten Kameras überwachen ließ. "Wir haben sicher einige Fehler gemacht, aus denen wir lernen können", sagte er damals im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Er räumte außerdem ein, dass Lidl zu spät auf die Vorwürfe reagiert habe. Künftig werde man mit heiklen Themen offen umgehen.

Geschehen ist in dieser Richtung nicht viel. Das Lidl-Management hüllt sich in altbewährter Manier in Schweigen. Lediglich der Datenschutzbeauftragte Joachim Jacob versucht zu retten, was nur schwer zu retten ist: den Ruf des Unternehmens. Er habe von den Krankenakten im vergangenen November erfahren, bestätigt der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte, der seit Monaten an einem neuen Datenschutzkonzept für Lidl arbeitet. Spätestens bis Ende Dezember 2008 sollten die brisanten Unterlagen nach seinen Vorgaben vernichtet sein. Dass dies nicht ordnungsgemäß geschehen ist, sondern die Papiere einfach nur im Abfall landeten, frustriert ihn. "Es ärgert mich. Da hat ein Mitarbeiter vor Ort seine Formulare drei Monate aufbewahrt und dann ausgerechnet in einer Mülltonne entsorgt, das ist nicht nachvollziehbar", sagt er.

Das Unternehmen selbst teilt nur mit, dass die im Müll gefundenen Papiere aus einer Regionalgesellschaft im Ruhrgebiet stammen. Wer die illegale Erfassung der Daten in Auftrag gab, weiß auch Jacob nicht. Trotz allem sieht der Datenschutzbeauftragte das Unternehmen auf einem guten Weg. Dass die heiklen Krankenakten vernichtet wurden, zeige auch, dass sein Konzept greife. "Leider kann es immer wieder zu Pannen kommen", bedauert er.

"Geprägt von Intransparenz"

Bei der Gewerkschaft Verdi kann man dagegen keine Besserung bei Lidl in Personalfragen erkennen. Mit dem nun aufgedeckten Fall werde eine neue Dimension erreicht, heißt es dort. In Deutschland sei bisher kein Fall bekannt, bei dem vertrauliche Krankendaten von Beschäftigten systematisch erfasst worden seien, sagt die Verdi-Vertreterin Cornelia Haß. Das Vorgehen von Lidl erinnere sie an die Methoden des früheren DDR-Geheimdienstes Stasi. "Wenn etwa über den Kinderwunsch einer Mitarbeiterin gemutmaßt wird, ist das menschenverachtend und erschreckend."

Haß sieht hinter den Datenschutzverstößen ein System: "Lidl ist geprägt von Intransparenz und einem großen Misstrauen gegenüber den Beschäftigten." Nach Angaben einer Firmensprecherin ermittelt inzwischen das baden-württembergische Innenministerium in dem Fall. "Wir haben einige Fragen erhalten, die wir jetzt beantworten werden."

Lesen Sie weiter: Was darf der Chef über Krankheiten wissen?

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