Das deutsche Valley Die Silicon-Valley-Illusion

Die Deutschen folgen blind den Ideen aus Kalifornien, klagt der Publizist Steven Hill. Er rät davon ab, sich dem gleichen Start-up-Hype hinzugeben.

Von Ulrich Schäfer

Steven Hill ist ein überzeugender Kronzeuge gegen das Silicon Valley, denn er wohnt seit zwei Jahrzehnten dort. Er hat verfolgt, wie Google, Amazon und Facebook mächtig wurden, wie Uber und Airbnb entstanden und immer mehr Menschen in prekäre Jobs abrutschten und sich als billige Freelancer für die Tech-Firmen abarbeiten. Eine "Krümel-Economy" sei da entstanden, mit "hohlen Unternehmen", die darauf bedacht seien, nicht zu viele Menschen anzustellen, und "in extremer Weise darauf ausgerichtet sind, lean und mean, schlank und fies, zu sein".

Und diese Gegend soll ein Vorbild für Deutschland sein?

Steven Hill kann das nicht nachvollziehen. "Zu viele deutsche Führungspersönlichkeiten, ob nun in Wirtschaft, Politik oder Medien, sind kopfüber hineingesprungen in den unkritischen Silicon-Valley-Hype", klagt er. Deshalb hat der amerikanische Publizist nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Deutschland ein wirklich lesenswertes Buch geschrieben. Es heißt "Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert". Noch treffender für sein Werk wäre der Titel "Die Silicon-Valley-Illusion". Denn Hill rechnet mit der Gegend, in der er lebt, und dem "Hyper-Neoliberalismus", der dort gepredigt werde, gnadenlos ab.

Sein Furor richtet sich zum Beispiel gegen Zeitarbeitsunternehmen wie Upwork, über deren digitale Plattform sich schlecht entlohnte Clickworker an die großen Technologiefirmen verdingen. Im Prinzip, klagt Hill, sei Upwork "ein staatenloses Unternehmen, das die Logik der Globalisierung und des freien Handels fortdenkt bis zu einem Punkt, an dem die Auftragsnehmer in einer virtuellen Fabrikhalle einem bislang unbekannten Grad an Schutzlosigkeit und Unsicherheit ausgeliefert sind."

Sein Furor richtet sich auch gegen "gewissenlose Start-up-Unternehmen", die alles tun, um möglichst keine Steuern zu bezahlen, und die - wie Uber und Airbnb - lästige Gesetze einfach missachten. Befördert werde dieses marktradikale Denken durch Milliarden an Risikokapital, die in die Start-ups flössen und oft sinnlos verbrannt würden - für Ideen, die oft nichts taugten. Hill spricht in dem Zusammenhang von einem "Silicon-Valley-Wall-Street-Kapitalimus", von einem Glücksspiel, bei dem es weniger um sinnvolle Investitionen gehe, sondern um die große Illusion: "Im Silicon Valley beherrschen Schall und Rauch die Szenerie, sodass die CEOs oft wie Hightech-Zirkuszauberer klingen", schreibt er.

Hill untermauert seine Thesen durch viele Statistiken. Er rechnet vor, dass die meisten Start-ups Ideen entwickeln, für die es keine Nachfrage gibt. Und er zeigt, wie trotz des Tech-Booms die Ungleichheit in den USA wächst: Unterm Strich seien nur prekäre Jobs entstanden, während die festen Stellen bedroht seien. Diese Entwicklung habe dazu beigetragen, einen Populisten wie Donald Trump ins Amt zu befördern. Deshalb rät Hill: "Es ist Zeit für Deutschland, mutig eine eigene Version von Führung und Vision zu entwickeln, statt ein Klon der USA sein zu wollen."

Welchen Weg aber empfiehlt der Mann aus dem Silicon Valley?

Deutschland, fordert Hill, solle sich seiner Stärken besinnen, anstatt dem Vorbild des Silicon Valley zu folgen, und diese Stärken lägen nun mal in seinem einmaligen Mittelstand. Die mittelständischen Unternehmen seien Weltmarktführer in Perfektion und Produktion, sie müssten sich aber noch stärker für die Digitalisierung öffnen und dazu die Zusammenarbeit mit jungen innovativen Start-ups suchen. Die Gründer wiederum sollten sich weniger darauf konzentrieren, Produkte für Verbraucher zu kreieren, wie es sie im Silicon Valley schon zuhauf gibt. Denn diese Verbraucher-Apps seien "sicher cool, beeindruckend und nützlich auf ihre Art und Weise. Aber sie sind nicht so revolutionär, wie der Werbehype uns glauben machen möchte."

Deutsche Start-ups sollten lieber Lösungen für den Mittelstand kreieren als neue Apps, findet Hill

Stattdessen, rät Hill, sollten die deutschen Start-ups digitale Lösungen für die Industrie entwerfen, und zwar nicht für die Konzerne, sondern für den Mittelstand: "Mein dringender Rat an junge Digitalunternehmer und angehende Start-up-Hipster: Geht raus aus Berlin. Lasst München und Hamburg hinter Euch. Geht nach Meschede." Denn in solchen Provinzstädten säßen die "Hidden Champions", die weltweit erfolgreichen Experten für hochspezialisierte Maschinen und Bauteile, die nun ans Internet der Dinge angeschlossen werden. "Mit dem richtigen Hegen und Pflegen könnten diese beiden Welten ganz großartig zusammenpassen", glaubt Hill.

Zudem warnt er davor, den deutschen Sozialstaat zu schleifen, auch wenn dies der Ideologie des Silicon Valley entspräche. Anstatt die Arbeitswelt weiter zu flexibilisieren, müsse es darum gehen, mehr Menschen in sozialversicherungspflichtige (Vollzeit-)Jobs zu bringen. Hill ist bewusst, dass man dies nicht verordnen kann. Aber der Staat könne zum Beispiel dafür sorgen, dass Clickworker und digitale Freelancer besser abgesichert werden - und für sie nach dem Vorbild der Künstlersozialkasse (KSK), in der freischaffende Künstler und Autoren abgesichert sind, eine eigene Sozialversicherung schaffen, eine KSK für alle, in die die Auftraggeber der Clickworker einzahlen müssen.

Hill ist fest davon überzeugt, dass sich die Digitalisierung gestalten lässt - und zwar im Sinne der Menschen, nicht der Unternehmen. Und er glaubt, dass der deutsche Weg, wenn er konsequent beschritten wird, viel besser ist als der amerikanische: "Deutschlands sozialer Kapitalismus kann der Schlüssel sein für ein neues Konzept, das auf die Herausforderungen des schnell aufziehenden digitalen Zeitalters angemessen antwortet." Das klingt kühn, aber ist - wie auch in dieser Kolumne immer wieder beschrieben wurde - mehr als bloß eine Illusion.

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter und Ulrich Schäfer im Wechsel.