Kolumne "Das deutsche Valley" Dann eben Karlsruhe

Berlin? München? Ach was! Wer bloß auf die Metropolen schaut, der übersieht, wie sehr sich die Gründerszene in Deutschland gerade entwickelt - vor allem in Städten mit technischen Hochschulen. Was fehlt, ist Geld für Start-ups. Fünf Studenten wollen das ändern.

Eine Kolumne von Ulrich Schäfer

Karlsruhe ist nicht die erste Stadt, an die man denkt, wenn es um die Digitalisierung hierzulande geht. Karlsruhe ist zunächst einmal die Heimat des Rechts, mit Verfassungsgericht und Bundesgerichtshof. Die Stadt mit ihren gut 300 000 Einwohnern beherbergt aber auch das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), eine der besten technischen Universitäten der Republik. Und wenn man in den Deutschen Start-up-Monitor schaut, die größte regelmäßige Umfrage unter Gründern, stellt man erstaunt fest: Von keiner Hochschule, außer der Technischen Universität München, kommen derart viele Gründer wie vom KIT.

Das Blöde ist nur: Wer in Karlsruhe studiert hat, der ist oft auch schnell weg. Der zieht, um ein Unternehmen zu starten, zum Beispiel nach Berlin, so wie die Gründer von Store2be, die Promotionsflächen in Läden vermarkten. Mehr als 40 Investoren hatten sie in Baden-Württemberg kontaktiert, alle lehnten ab, in Berlin fragten sie vier - und alle stiegen in die Firma ein.

Andreas Fischer, 23, und vier Studenten aus Karlsruhe wollen dem Trend weg aus Karlsruhe nun etwas entgegensetzen - und haben deshalb First Momentum Ventures gegründet, Deutschlands erste Venture-Capital-Firma, die allein von Studenten betrieben wird. Sie wollen in den nächsten Monaten insgesamt fünf Millionen Euro einsammeln und diese in 40 bis 50 Start-ups aus Karlsruhe und Umgebung stecken. "Wir haben hier eine tolle, vernetzte Gründerszene. Was aber fehlt, das ist das Geld", sagt Fischer. Deshalb zog es ehemalige Studenten des KIT oft nach Berlin oder München, dorthin, wo die großen Risikokapitalfirmen in Deutschland sitzen und zudem Inkubatoren und Akzeleratoren, also spezielle Gründerzentren, locken.

Die Studenten von First Momentum versuchen nun, diesem Trend entgegenzuarbeiten. Denn Karlsruhe, sagt Fischer, biete eigentlich alles, was Gründer bräuchten: Es gibt eine exzellente technische Hochschule, die zudem über eines der ältesten Entrepreneurship-Institute der Republik verfügt; es gibt namhafte Industrieunternehmen in der Nähe wie EnBW, Michelin, Bosch, Daimler; und es gibt in Karlsruhe zudem ein riesiges Rechenzentrum von United Internet, welches etwa 40 Prozent aller deutschen Webseiten verwaltet.

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Fischer und seine vier Mitstreiter sind zwischen 22 und 28 Jahren alt, sie haben in Karlsruhe studiert oder tun es noch immer. Sie haben sich in den letzten Jahren zudem alle in der Pioniergarage engagiert, einer Karlsruher Studenteninitiative, die seit neun Jahren gründungswilligen Studenten mit Rat und Tat hilft. Die Pioniergarage organisiert Workshops und Veranstaltungen, zudem Reisen ins Silicon Valley, nach New York oder Boston. Mehrere Start-ups sind bereits aus der Pioniergarage hervorgegangen. Darunter solche, die im Bereich der künstlichen Intelligenz oder des Autonomen Fahrens tätig sind - und nun auch First Momentum Ventures.

"Unser Vorteil ist, dass wir die Szene hier sehr gut kennen. Wir sind da viel nähere dran als die professionellen Risikokapitalfirmen", sagt Fischer. Deshalb sind die professionellen Wagniskapitalfonds nun auch bereit, den fünf Studenten ihr Geld anzuvertrauen, damit sie es in die ganz jungen Firmen aus Karlsruhe und anderen Städten in Baden-Württemberg investieren. In der Regel, sagt Fischer, hätten diese Firmen nicht sehr viel mehr zu bieten als eine Idee und einen Business-Plan: "Für uns ist das Team entscheidend. Wir schauen, ob die Leute gut sind - und wir es wagen können, auf sie Geld zu setzen."

In Kürze wollen die fünf Studenten die ersten Investments tätigen, die nötige Zulassung von der Finanzaufsichtsbehörde Bafin haben sie bereits. Sollte ihr Plan aufgehen, wäre First Momentum die größte, von Studenten getragene Risikokapitalfirma in Europa. In Finnland und den Niederlanden, sagt Fischer, gebe es ähnliche, aber deutlich kleinere Fonds von Studenten. In den USA dagegen verwalten studentische Gründerfonds oft viel mehr Geld - was daran liegt, dass es dort insgesamt mehr Risikokapital gibt.

Hinweis

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alexandra Föderl-Schmid (Tel Aviv), Christoph Giesen (Peking) und Ulrich Schäfer (München) im Wechsel.

Die Geschichte aus Karlsruhe lehrt am Ende dreierlei. Erstens: Jenseits von Berlin und München tut sich in der Gründerszene weitaus mehr, als die Öffentlichkeit wahrnimmt - vor allem in Hochschulstädten. So hat die Stellenplattform Joblift 17 Millionen Personalanzeigen aus den letzten zwei Jahren ausgewertet und festgestellt, dass die Tech-Branche vor allem in Städten mit weniger als 500 000 Einwohnern boomt, und zwar schneller als in den Metropolen. Ganz vorne mit dabei: Karlsruhe, Aachen, Ingolstadt, Jena und Regensburg.

Zweitens: Vor allem die technischen und naturwissenschaftlichen Fakultäten entwickeln sich zum entscheidenden Umfeld für Gründer. Dem Deutschen Start-up-Monitor zufolge haben inzwischen etwa die Hälfte der Jungunternehmer Informatik, Mathematik, Ingenieur- oder Naturwissenschaften studiert, aber nur noch gut ein Drittel Wirtschaftswissenschaften.

Drittens: Viele Gründer würden gerne dort bleiben, wo sie studiert haben. Zudem ziehen, wie die Auswertung von Joblift zeigt, immer mehr Hightech-Unternehmen in diese Mittelzentren. Angesichts des Fachkräftemangels im Land wollen sie von der Nähe zu den Hochschulen profitieren, aber auch von den meist geringeren Mieten und Grundstückspreisen.

Andreas Fischer ist deshalb zuversichtlich, dass First Momentum Ventures in Karlsruhe Erfolg haben wird, auch wenn, davon geht er aus, "die meisten Start-ups, in die wir investieren, gegen die Wand fahren werden". Das sei völlig normal, sagt er. "Aber am Ende werden hoffentlich auch ein paar Firmen dabei sein, die ein überdurchschnittliches Wachstum hinlegen werden. Und wir haben sie dann am Ende entdeckt."

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