Von Dagmar Deckstein

Absatzflaute bei Daimler: Weil die Lastwagensparte kriselt, müssen 3500 Mitarbeiter gehen - und eine Traditionsmarke verschwindet vom Markt.

Die anhaltende Nachfrageschwäche auf dem US-Markt veranlasst den Autohersteller Daimler zur drastischen Rotstiftaktion bei seiner Lastwagensparte: Die Produktion der Sterling Trucks wird beendet, die amerikanische Traditionsmarke verschwindet ab März 2009 vom Markt. Die Produktpaletten der verbleibenden US-Marken Freightliner und Western Star würden auf die bisher von Sterling bedienten Marktsegmente ausgeweitet, teilte der Konzern am Dienstag mit.

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Die Lastwagen der Marke Sterling werden bald schon vom Markt verschwinden - Hersteller Daimler konzentriert sich auf die Marken Freightliner und Western Star. (© Foto: oh)

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Damit will Daimler von 2009 an jährliche Ergebnisverbesserungen von 900 Millionen US-Dollar im amerikanischen Lastwagengeschäft erzielen, muss aber zunächst 600 Millionen Dollar für die Werksschließungen und Ausscheidungsvereinbarungen einkalkulieren. Das belastet Daimler noch im laufenden Jahr mit 350 Millionen Dollar, die im vierten Quartal verbucht werden. 150 Millionen Dollar werden 2009, weitere 100 Millionen Dollar in den Jahren 2010 und 2011 in der Bilanz untergebracht.

Betroffen von der "Konzentration auf eine Zwei-Marken-Strategie", wie Daimler es nennt, sind 3500 Beschäftigte in den beiden Werken im kanadischen St. Thomas und in Portland im US-Staat Oregon. In den Lkw-Werken fallen nach Angaben Daimlers 2300 Arbeitsplätze weg. Weitere 1200 Stellen sollen in der Verwaltung von Daimler Trucks North America gestrichen werden. Daimler hatte bereits zuvor angekündigt, bei der amerikanischen Lkw-Tochter Freightliner 1500 von 20000 Stellen zu streichen. Außerdem wollen der Stuttgarter Konzern und sein Konkurrent MAN die Preise für Lkws erhöhen, um die drastisch gestiegenen Rohstoffkosten zumindest teilweise zu kompensieren.

Nicht nur die Krise

Es sei nicht nur die anhaltende Finanzkrise, die Daimler zu diesem Schritt bewogen habe. Schon seit längerem erwäge das Unternehmen, von der bisherigen Mehrmarkenstrategie auf dem amerikanischen Lkw-Markt abzukommen. Auch ohne den inzwischen nachhaltigen Geschäftseinbruch sei die Marke Sterling Trucks mit eigener Vertriebsorganisation unter dem Strich zu teuer gekommen.

So habe man sich angesichts des anhaltenden Absatzrückgangs in den USA entschlossen, den Einschnitt jetzt vorzunehmen. Seit Jahresanfang wartet Daimler, der weltweit größte Hersteller von Nutzfahrzeugen, vergeblich auf einen Aufschwung des Lkw-Geschäfts in den USA. Schon 2007 war der US-Markt um 40 Prozent eingebrochen, was vor allem mit neuen Abgasvorschriften zu tun hatte. Vor deren Einführung haben sich die Spediteure noch schnell mit neuen Lastwagen eingedeckt.

Das Lkw-Geschäft erholte sich aber nicht wie erwartet im Laufe dieses Jahres, sondern sei, so der Konzernsprecher, bisher um weitere 25 Prozent zurückgegangen. Schuld daran seien vor allem strukturelle Veränderungen in der Speditionsbranche. So seien zahlreiche Klein- und Kleinstunternehmen vom Markt verschwunden, weil sie angesichts der hohen Kraftstoff- und Materialkosten nicht mehr mithalten konnten. Die Produktion von Nutzfahrzeugen der Marke Western Star will Daimler in das lohnkostengünstigere Werk in Santiago, Mexiko, verlagern. Zudem soll im Frühjahr 2009 ein neues Lkw-Produktionswerk im mexikanischen Saltillo eröffnen, wo das Flaggschiff Cascadia der Marke Freightliner hergestellt werden soll.

Diskussion um Abspaltung der Lkw-Sparte

Sterling Motor Truck wurde 1916 in Milwaukee gegründet und ging später in der Freightliner Corporation auf, die 1981 von Mercedes-Benz übernommen wurde. Seit 1998 wurden auch wieder Lastwagen unter der Marke Sterling angeboten. Dass diese Marke nun vom Markt verschwindet, rechtfertigt Nutzfahrzeug-Vorstand Andreas Renschler mit der "Zuversicht, dass wir mit dieser Strategie die richtigen Antworten auf die Herausforderungen des nordamerikanischen Marktes haben".

2007 hatte die Daimler-Lastwagensparte vor allem wegen der schwächelnden Märkte in Nordamerika und Japan einen Absatzrückgang um 9,4 Prozent auf 467.700 Fahrzeuge verbucht. Immer wieder machten in der letzten Zeit Spekulationen die Runde, Investoren drängten das Daimler-Management, die Nutzfahrzeugsparte vom Konzern abzuspalten und zu verkaufen oder gesondert an die Börse zu bringen. Solche Gerüchte hatte der Vorstand stets zurückgewiesen.

Renschler hatte erst Ende September am Rande der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover gesagt, es mache gar keinen Sinn, eine so starke und robuste Marke wie Mercedes auseinanderzureißen. Die Vernetzung des Pkw- und Lkw-Geschäfts sei viel zu stark, als dass ein solcher Plan Aussicht auf Erfolg habe.

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(SZ vom 15.10.2008/tob)