Cybersicherheit Versichert gegen digitale Attacken

Jahrelang waren Policen gegen Hackerangriffe ein Nischenprodukt. Das ändert sich nun - entsprechend steigen die Absatzzahlen. Doch nicht alle in der Branche sehen das als gute Entwicklung an.

Von Herbert Fromme, Frankfurt

Der Hacker-Angriff galt nicht den Rechnern des Mittelständlers mit 150 Beschäftigten. Stattdessen drangen die kriminellen Angreifer in die Telefonanlage ein. Sie fischten dort keine Daten ab, lauschten auch nicht auf der Suche nach Firmengeheimnissen - sondern sie telefonierten. Die Hacker riefen teure Nummern an, möglicherweise eigens dafür geschaltete gebührenpflichtige Dienste. Der Gesamtschaden zeigte sich auf der Telefonrechnung: 60 000 Euro hatten die Eindringlinge in wenigen Wochen vertelefoniert.

Der Mittelständler, von dem in diesem Fall die Rede ist, hatte Glück. Erst vor kurzem hatte er eine Cyberversicherung abgeschlossen, die solche Schäden abdeckt. Aber damit ist er eine Ausnahme, bislang jedenfalls. Denn die meisten deutschen Unternehmen sind gegen Cyberangriffe bislang nicht versichert. Natürlich: Die Telekom, ThyssenKrupp und andere Großkonzerne haben solche Policen. Aber sonst kaum jemand.

Glaubt man den Chefs des Versicherungsmaklers Marsh, ändert sich das gerade. "Wir erleben eine Welle von Anfragen", sagt Geschäftsführer Georg Bräuchle. 2015 habe Marsh bereits 46 Abschlüsse mit einem Prämienvolumen von 1,2 Millionen Euro verzeichnet. "Im gesamten Jahr 2014 waren es nur 20", sagte Marsh-Experte Thomas Philipp.

Das neue Bewusstsein kommt nicht von ungefähr. "Jede öffentliche Diskussion über einen Cyberangriff wie zum Beispiel den auf den Bundestag führt zu mehr Interesse bei Unternehmen", sagt Bräuchle. Dazu kommt das gerade verabschiedete IT-Sicherheitsgesetz, das Firmen aus kritischen Infrastrukturbereichen zwingt, die IT-Sicherheit zu gewährleisten und gravierende Vorfälle zu melden. "Diese Unternehmen werden sich auch für die Versicherung interessieren", glaubt Bräuchle.

Das gesamte Prämienvolumen im deutschen Markt schätzen die Experten auf etwas über 10 Millionen Euro. Aber in fünf Jahren werde es auf 200 Millionen Euro steigen. In den USA machten die Versicherer damit 2014 schon zwei Milliarden Dollar Umsatz. Inzwischen bieten mehr als 15 Versicherer in Deutschland Cyberpolicen an, vor zwei Jahren waren es erst vier.

Doch wird diese Begeisterung nicht von allen in der Branche geteilt. "Manche Aspekte von Cyberrisiken sind nicht versicherbar", sagt Matthias Weber, Manager beim Rückversicherer Swiss Re. Er sieht zwei Probleme: Viele Angriffe werden von Regierungen in Auftrag gegeben. "Ist das Cyberkrieg oder Cyberterrorismus? Wir wissen die Antwort nicht", sagt Weber. Wenn es sich um Krieg handele, sei das schwer oder nicht versicherbar. Zudem gebe es kein statistisches Modell, um Risiken verlässlich zu berechnen. Ein Grund: Unternehmen, die gehackt werden, behalten ihre Erfahrungen meist für sich.

Trotz dieser Bedenken boomt der Markt. Billig ist die Versicherung nicht: Ein mittelständischer Industriebetrieb mit 200 Mitarbeitern zahlt für eine Police mit einer Deckung von einer Million Euro rund 7 000 Euro bis 15 000 Euro im Jahr. Die Preise können aber stark schwanken. "Ich hatte eine Ausschreibung für eine Deckung über fünf Millionen Euro, bei der die Prämien zwischen 20 000 Euro und 120 000 Euro lagen", erinnert sich Philipp.