Commerzbank Mehr Maggi als Manhattan

Der Abschied fällt ihm schwer: Mehr als 51 Jahre stand Klaus-Peter Müller in Diensten der Commerzbank, am Dienstag tritt er als Aufsichtsratsvorsitzender ab.

(Foto: dpa)

Nach mehr als 50 Dienstjahren tritt Klaus-Peter Müller an diesem Dienstag bei der Commerzbank ab. Keiner hat die Bank so geprägt wie er - im Guten wie im Schlechten.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Commerzbank-Turm, 49. Stockwerk, Gästebewirtung: Von Frankfurts höchstem Gebäude aus lässt sich herabschauen auf Deutschlands Finanzhauptstadt. Dem Aufsichtsratschef des zweitgrößten Bankhauses des Landes, Klaus-Peter Müller, freilich ist Arroganz fremd. Das wird schon an Kleinigkeiten deutlich. Etwa wenn er zum Mittagessen eine seiner geliebten Suppen serviert bekommt. Wie an diesem frühlingshaften Apriltag. Es gibt Linsensuppe, und die Kasino-Angestellten wissen, was Müller mag: Maggi. Das braune Fläschchen wirkt neben feinem Porzellan und poliertem Besteck wie ein Fremdkörper. "Erschrecken Sie nicht", sagt Müller lächelnd und schüttet die Würze über die Suppe. "Ich hätte auch den gesellschaftsfähigeren Essig nehmen können. Aber mir war nach Maggi."

Irgendwie war Müller immer schon mehr Maggi als Manhattan, obwohl er einen Teil seiner Lehrjahre in New York verbrachte. Seit 2008 ist er Aufsichtsratschef der Commerzbank. An diesem Dienstag wird er ein letztes Mal die Hauptversammlung des teilverstaatlichten Instituts leiten. Freundlich, aber bestimmt Aktionärsfragen beantworten, Redezeit begrenzen, Kritik parieren. In seinem Element sein. Danach ist Schluss, das Ende einer Ära. Mit 73 Jahren übergibt "KPM", wie er in der Bank genannt wird, an Stefan Schmittmann, 61, früher Risikovorstand der Bank.

51 Jahre, sieben Monate und sieben Tage stand Müller in Diensten von Deutschlands zweitgrößter Privatkundenbank. Der Sohn eines früheren Oberbürgermeisters von Düsseldorf begann, ohne Studium, als Trainee in seiner Heimatstadt, damals noch Hauptsitz der Commerzbank. Nach Auslandsstationen wurde er in Frankfurt der Chef des Firmenkundengeschäfts, baute nach der Wiedervereinigung das Filialnetz im Osten auf. 1992 rückte er in den Vorstand auf, 2001 wurde er Vorstandssprecher, ab 2008 kontrollierte er als Aufsichtsratschef seine Nachfolger. Erst Martin Blessing, seit 2016 Martin Zielke.

Die Ära Müller hat große Schönheitsflecken

Niemand hat die Commerzbank so geprägt wie Müller, in guten und schlechten Zeiten. Ein Pater familias, in dessen Adern gleichsam gelbes Blut fließt. Und dem nachgesagt wird, einer der letzten "Gentleman-Banker" Deutschlands zu sein, der Handschlag-Seriosität ausstrahlt.

Dabei hat die Ära Müller Schönheitsflecken, ganz gewaltige sogar. Während des Neuen-Markt-Wahnsinns um die Jahrtausendwende musste er die Bank vor einer Schieflage retten, anschließend davor, übernommen zu werden. Immer wieder wurde ausländisches Interesse kolportiert. Müller reagierte, indem er die Commerzbank auf Wachstum trimmte und damit fast umbrachte. Mit der Übernahme der Immobilienbanken Eurohypo und Essen Hyp holte sich die Commerzbank große Risiken in die Bilanz: Griechenlandanleihen, faule Immobiliendarlehen in den USA, Schiffskredite. 2008 dann kaufte er der Allianz auch noch die sterbenskranke Dresdner Bank ab, ermuntert von Kanzlerin Angela Merkel, einer Parteifreundin des langjährigen CDU-Mitglieds Müller. Zwei Wochen später brach Lehman Brothers zusammen. Der Bund musste mit Milliarden an Steuergeldern einspringen und die Commerzbank retten. Die taumelt seither von einer Restrukturierung zur nächsten. Börsenwert, Rendite, Kosten: Im internationalen Vergleich ist die Commerzbank nur noch zweitklassig, wenn überhaupt. "Staatsbanker", "Kapitalvernichter": Müller kennt all die Kritik der Aktionäre, er und Blessing wurden oft beschimpft.

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Mehr als 90 Prozent verlor die Aktie seit 2001, als Müller Vorstandschef wurde. Noch immer hält der Bund 15 Prozent der Anteile; einerseits ein Makel für den Marktliberalen Müller, der auch als Bankenpräsident lange für die Privatisierung von Sparkassen und gegen einen staatlich verzerrten Bankenmarkt gekämpft hatte, andererseits ein Schutz vor unerwünschten Attacken von ausländischen Konkurrenten.

Kritiker beklagen jedoch nicht nur den Aktienkurs, sie sagen auch, "KPM" hätte zeitiger loslassen sollen, vor fünf Jahren zum Beispiel, als seine erste Amtszeit auslief. Er personifiziere das "selbstreferentielle System der Commerzbank", ein Durchwurschteln, ohne sich gegenseitig auf die Füße zu treten, wie es ein Ex-Kollege formuliert. Müller schmerzt Kritik dieser Art, auch die auf der Hauptversammlung, nicht unbedingt die laute, aber "die qualifizierte". Den Aufsichtsratsvorsitz hätte er gerne früher übergeben. Aber es sei schwer gewesen, einen Nachfolger zu finden. Die Bezahlung mit zeitweise "nur" 200 000 Euro für bis zu 80 Wochenstunden sei zu mau für viele Wirtschaftslenker, weshalb man in der Bank nun umso erleichterter sei, mit Schmittmann einen sehr qualifizierten Mann gefunden zu haben. Und natürlich hätte man einiges anders machen sollen, lässt er durchblicken, wenngleich er sich damit nicht zitieren lassen will: die Dresdner-Übernahme? Im Prinzip richtig, aber eben zum falschen Zeitpunkt.

Eine kompletter Abschied ist es nicht

Nun ja. Müllers Kritiker sprechen nicht von schlechtem Timing, sondern schlicht von Größenwahn, der auch ihn seinerzeit erfasst habe. Das Erstaunliche, fast Einzigartige an Müller aber ist, dass ihm niemand lange böse sein kann, trotz aller Offensichtlichkeiten. Wie kaum ein anderer Spitzenmanager in Deutschland kann Müller sein Gegenüber in einen Kokon der Behaglichkeit einweben. Er liebt nicht nur Maggi, sondern auch Fußball und den Karneval im Rheinland. Macht das Gegenüber nur einen halbwegs gelungenen Scherz, lacht Müller herzhaft mit und sorgt so für Wohlfühlatmosphäre. "Müller ist ein rhetorisches Genie. Er hat die Gabe, mit jedem den richtigen Ton zu treffen, von der Reinigungskraft bis hin zur Bundeskanzlerin", sagt einer, der ihn gut kennt.

In Berlin ist Müller ebenso gut vernetzt wie in Frankfurt. Seit 1961 ist er Mitglied der CDU, war in der Finanzkrise Berater der Kanzlerin, Vertrauter von Roland Koch, dem früheren hessischen Ministerpräsidenten. Spätestens seit dem Staatseinstieg ist die Commerzbank auch eine politische Bank. Es gibt zwei Gesandte der Bundesregierung im Aufsichtsrat. Die Frage, wann und an wen der Bund seinen Anteil verkauft, entscheidet über das Schicksal des Geldhauses. Müller hat im Bundesfinanzministerium nicht nur einmal hinterlegt, welche Folgen ein Verkauf des Anteils an Ausländer für die Bank hätte, aber auch für den Finanzplatz Frankfurt. Seine Argumente werden noch eine Weile nachhallen.

Nun also der Abschied. Er fällt ihm schwer, ist aber unwiderruflich. Sein Büro in der 48. Etage der Commerzbank ist bereits seit Sonntag frei für den Nachfolger. Dann wird er in die Taunusanlage umziehen, einige hundert Meter von der Bankzentrale entfernt, wo sich mehrere Altvorstände mit Mandaten ein Großraumbüro teilen. Müller behält den Vorsitz der Commerzbank-Stiftung und andere Mandate wie beim Gesundheitskonzern Fresenius. Eine komplette Abnabelung von seinem alten Leben ist das nicht, eher ein kontrolliertes Herunterfahren. Müller spricht von Wehmut, aber auch der Gewissheit, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Ein "Gefühlsmischmasch". Ein bisschen wie Eintopf mit Maggi.

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