Von J. Vougioukas und M. Kotynek

Ökonomen bestaunen das rasante Wachstum in China. Doch in der Volkrepublik selbst wächst die Furcht vor einem Ende des jahrelangen Booms.

China könnte dank seines hohen Wachstums schon 2035 die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen, sagen westliche Ökonomen voraus. Doch in der Volkrepublik selber wächst die Furcht vor einem Ende des jahrelangen Booms. Regierung, Unternehmen und Ökonomen rechnen damit, dass das Wachstum sich deutlich abschwächen wird.

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Die Unternehmen kündigen Massenentlassungen an, die Regierung in Peking sorgt sich um die Wirtschaft. (© Foto: dpa)

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Größere Volkswirtschaft als die USA

Die amerikanische Carnegie-Stiftung geht davon aus, dass das Milliardenvolk der Chinesen schon in 27 Jahren mehr Waren und Dienstleistungen produzieren könnte als die Amerikaner. Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass dies im Jahr 2041 der Fall sein wird - vorausgesetzt, China kann weiterhin so schnell wachsen wie bisher, also mit jährlichen Raten von rund zehn Prozent. Derzeit ist die Volksrepublik hinter den Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland die Nummer drei der Weltwirtschaft. Die Wissenschaftler der Carnegie-Stiftung rechnen damit, dass Chinas Wirtschaft schon Mitte des Jahrtausends doppelt so groß sein könnte wie die amerikanische.

Doch in China selber wachsen die Sorgen, dass der Boom demnächst mit einer "harten Landung" zu Ende gehen könnte. So schwappt derzeit die erste große Entlassungswelle über das Land. Fast 84000 Stellen will Chinas größter Öl- und Gaskonzern, die China National Petroleum Corporation einsparen. Firmenchef Jiang Jiemin hat seinem Konzern ein gewaltiges Sparprogramm verordnet, um sinkenden Profiten aus dem ersten Halbjahr zu begegnen.

Nach Jahren des zügellosen Booms hatten viele Chinesen das Wort "Massenentlassungen" schon fast vergessen. Doch im ganzen Land erarbeiten die Konzerne derzeit Sparprogramme und bereiten sich auf eine Abschwächung des Wachstums in der zweiten Jahreshälfte vor. Manche Firmen fürchten bereits, dass China eine harte Landung bevorsteht. Jack Ma, Chef des Internet-Marktplatzes Alibaba.com, schickte in der vergangenen Woche bereits eine E-Mail an sämtliche Mitarbeiter: "Ich glaube, das sich die Weltwirtschaft in einer schwierigen Lage befindet. Und die Herausforderung wird viel größer sein, als irgendjemand es für möglich gehalten hat. Der Winter wird lang, kälter und komplizierter, als wir alle erwartet haben." Kurz zuvor hatte auch Ren Zhengfei, Chef des Netzwerkausrüsters Huawei seine Mitarbeiter vor einem drohenden Abschwung gewarnt.

Premierminister Wen Jiabao, Vizepräsident Xi Jinping und Vizepremier Wang Qishan sind in den letzten Wochen wiederholt durchs Land gereist, um sich ein Bild von der Lage zu verschaffen. Beobachter werten das als Indikator dafür, wie ernst die Lage inzwischen von der chinesischen Regierung gesehen wird. "Solch eine Frequenz hochrangiger Erkundungsbesuche durch die chinesische Führung hat es in den vergangenen 30 Jahren nur selten gegeben", berichtet die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

Chinas Lieferanten bekommen auch die globale Finanzkrise und den Abschwung in Amerika zu spüren. Nach Angaben des chinesischen Möbelherstellerverbandes exportiert China rund 40 Prozent seiner Produktion, der Großteil der Möbel geht in die Vereinigten Staaten. Die Profitabilität der Branche sei auf magere 1,1 Prozent gesunken, berichtet das Pekinger Handelsministerium.

Yuan schadet Industrie

China ist weit von einer Stagnation seiner Wirtschaft entfernt. Doch sollte das Wachstum in den unteren einstelligen Prozentbereich abfallen, auf drei oder vier Prozent, könnten viele Firmen in die Verlustzone rutschen. Am vergangenen Freitag beriet das Politbüro über die Lage. Jahrelang hatte sich die Zentralregierung darum bemüht, das Wirtschaftswachstum einzudämmen, um so eine Überhitzung der Wirtschaft und vor allem einen Anstieg der Preise zu verhindern. Im vorigen Jahr wuchs China mit rasanten 11,9 Prozent. Neben der Inflationsbekämpfung rückt jetzt die Sorge um ein "gesundes wirtschaftliches Umfeld" ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Politikwechsel in der chinesischen Führung ist bereits klar erkennbar. So drängt das Handelsministerium, den Yuan gegenüber dem Dollar nicht weiter aufzuwerten. Vor allem Exporteure leiden unter der Verteuerung des Yuan.

Deutsche Wirtschaftsforscher erwarten jedoch nicht, dass sich ein geringeres Wachstum in China auf Deutschland auswirkt. Zwar ist China inzwischen der elftwichtigste Handelspartner der Bundesrepublik, doch "die Verflechtungen zwischen den beiden Ländern sind nicht so stark, dass sich der Rückgang bei uns auswirken würde", sagt Gernot Nerb vom Ifo-Institut. Auch sei der Rückgang des chinesischen Wachstums "nicht so gravierend, dass es für Deutschland zum Problem wird", sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. "Deutschland wird nicht an einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in China leiden." Größere Sorgen bereiten den Ökonomen der Ölpreis sowie die Entwicklung in Amerika und in den anderen EU-Staaten: Mehr als drei Viertel der deutschen Exporte gehen in diese Länder.

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(SZ vom 29.07.2008/jkr)