Chemie Willkommenes Angebot

Ein Eichhörnchen auf dem Golfplatz von Pinehurst. Düngemittel für Rasen bietet der Schweizer Konzern Syngenta auch.

(Foto: Mike Ehrmann/AFP)

Der chinesische Konzern Chem-China bietet 39 Milliarden Euro für Syngenta. Die Schweizer freuen sich.

Von Christoph Giesen und Charlotte Theile, Zürich/München

Es ist ein Übernahme-angebot, das Geschichte schreiben könnte: Die staatliche China National Chemical Corporation (Chem-China), der größte Chemiekonzern der Volksrepublik, will die schweizerische Agrarchemie-Firma Syngenta übernehmen. Angebotener Kaufpreis: 43 Milliarden Dollar (etwa 39 Milliarden Euro). Sollte das Geschäft zustande kommen, wäre es die mit Abstand die größte Übernahme, die ein chinesisches Unternehmen jemals im Ausland getätigt hat. Und auch für Chem-China ist das Angebot eine Herausforderung. 39 Milliarden Euro, in dieser Größenordnung liegt der eigene Jahresumsatz. Der Verwaltungsrat des Basler Konzerns ist in jedem Fall einverstanden. Er empfiehlt seinen Aktionären einstimmig, das Angebot anzunehmen.

In Europa ist Chem-China kein Unbekannter mehr. Erst Mitte Januar verkündete das Unternehmen, den deutschen Maschinenbau-Konzern Krauss-Maffei zu übernehmen. Doch im Vergleich zu dem Angebot, das jetzt auf dem Tisch liegt, wirkt diese Transaktion fast niedlich. Nicht mal eine Milliarde Euro kostete Krauss-Maffei. Auch der bislang teuerste chinesische Zukauf in Europa war noch deutlich einstellig: 7,1 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr für den italienischen Reifenhersteller Pirelli bezahlt. Der Käufer? Hieß ebenfalls Chem-China.

Chinas Unternehmen sollen zu internationalen Schwergewichten werden

Für die Aktionäre von Syngenta klingt die Offerte aus Peking verlockend: Der angebotene Preis von 480 Schweizer Franken pro Aktie liegt deutlich über dem, was die Papiere derzeit an der Börse wert sind. Verwaltungsratspräsident Michel Demaré sagte, das Angebot aus China sei eine Anerkennung für die Qualität und das Potenzial von Syngenta. Doch nicht nur die Aktionäre müssen einverstanden sein: Auch die Aufsichtsbehörden in Europa und den Vereinigten Staaten müssen dem Geschäft noch zustimmen. Die Konzerne rechnen mit einigem Aufwand.

Doch sollten die Unternehmen hier Erfolg haben, wäre Chem-China auf einen Schlag der weltweit größte Hersteller von Pflanzenschutzmitteln. Außerdem würden die Chinesen eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von Saatgut spielen und damit ihren Einfluss auf die internationale Nahrungsmittelproduktion deutlich erhöhen. Aber auch Probleme und die eine oder andere Diskussion könnten sich die Chinesen mit einkaufen. Seit Syngenta im Jahr 2000 aus der Agrarsparte von Novartis und Astra-Zeneca hervorgegangen ist, ist das Unternehmen immer wieder für sein Engagement in der Gentechnik kritisiert worden. Auch der Vertrieb des Unkrautbekämpfungsmittels Paraquat sorgte für Proteste. Es soll auf Plantagen in Entwicklungsländern eingesetzt werden, oft ohne die vorgeschriebene Schutzkleidung. Eine erhebliche Gefahr für die Arbeiter.

Erst im vergangenen Jahr bekam Syngenta ein ernst zu nehmendes Übernahmeangebot. Damals zeigte der umstrittene amerikanische Saatgut-Produzent Monsanto Interesse. Doch Syngenta wehrte die Offerte ab. Dass nun ein Konkurrent zum Zug kommt, dürfte für die Amerikaner bitter sein. Das Angebot von Chem-China liegt klar über dem, was Monsanto im Sommer geboten hatte.

Aber nicht nur deshalb wird der Deal als geschickter Schachzug der Basler gewertet. Am Mittwoch verkündete das Management, es seien weder eine Neustrukturierung der Führungsriege noch Arbeitsplatzabbau geplant. Selbst der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann lobte den Deal. Es handle sich um eine kluge Investition in die Zukunft, gestemmt von zwei "grundsoliden" Unternehmen.

Schaut man sich chinesische Übernahmen der vergangenen Jahren in Europa an, fällt auf, dass die Investoren allesamt langfristige Ziele haben. Abgesehen von wenigen Ausnahmen lassen sie das einheimische Management im Amt. Ein oder zwei Manager aus China werden abgesandt, aber sie führen an der langen Leine. Stattdessen konzentrieren sich die neuen Eigentümer darauf, einen verbesserten Marktzugang in China zu schaffen.

15 Jahre ist es nun her, dass Chinas damaliger Parteichef Jiang Zemin seinen Konzernlenkern zwei Worte zu rief: "Schwärmt aus!" Chinas Staatsunternehmen sollten zu internationalen Schwergewichten werden. Sie sollten westliche Firmen übernehmen und sich am Weltmarkt bewähren. Allerdings mit einem klaren Plan. Alle paar Jahre veröffentlicht Chinas Zentralregierung eine nach Ländern aufgeschlüsselte Tabelle mit Übernahmeempfehlungen. Deutschland zum Beispiel steht mit dem Maschinenbau, der Umwelttechnik und der Autozulieferbranche auf der Liste. Wer das große Rad drehen möchte und ohne Einkaufszettel shoppen geht, hat kaum eine Chance. Notfalls verweigern die Behörden in China ihre Zustimmung.

Während es in den Vereinigten Staaten, etwa mit der Übernahme des IBM-Computergeschäfts, für die Chinesen rasch zu prestigeträchtigen Deals kam, waren die Anfänge in Europa eher zaghaft. Der ein oder andere Mittelständler und der angeschlagene Autohersteller Volvo, das war die Bilanz. Dann folgte Pirelli. Und jetzt? Steht zum ersten Mal eine wirklich große Übernahme in Europa an.