Chef der Bundesarbeitsagentur im Interview Weise kritisiert "zunehmende Lohnungleichheit"

Der Unterschied zwischen oben und unten wachse, sagt Bundesarbeitsagentur-Chef Weise im SZ-Gespräch. Befristete Jobs für junge Menschen bezeichnet er als "wirklich problematisch".

Von Thomas Öchsner, Berlin

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, sieht den Arbeitsmarkt in Deutschland auseinanderdriften. "Wir haben die Tendenz zu einer zunehmenden Lohnungleichheit", sagte er der Süddeutschen Zeitung (Samstags-Ausgabe). Hier wachse "der Unterschied zwischen oben und unten".

Wer heute im Geschäftsleben bei der Entwicklung und Produktion von Produkten, die als Deutschlands Stärke angesehen werden, bestehen könne, der habe eine gute Schulausbildung, bilde sich weiter und habe in der Regel ein gutes Einkommen. "Wer hier nicht mithalten kann, für den bleiben, wenn überhaupt, nur niedrig bezahlte Jobs", erklärte der Nürnberger Behördenchef.

Im Interview spricht sich Weise für von Arbeitgebern und Gewerkschaftern ausgehandelte, differenzierte Lohnuntergrenzen aus. Wenn diese "moderat und nach Branchen und Regionen unterschiedlich sind, muss dies keine Arbeitsplätze kosten", sagte er. In den vereinbarten neuen Mindestlöhne im Friseurhandwerk sieht der BA-Chef einen guten Einstieg. Er vermutet aber, dass die Schwarzarbeit in dieser Branche zunehmen werde. "Nur muss den Bürgern eines klar sein: Was sie durch Geiz sparen, zahlen sie später wieder drauf, wenn noch mehr Steuern für das Aufstocken von Löhnen fällig werden."

"Abhängigkeit von uns kann kein Dauerzustand sein"

Weise hält es für akzeptabel, dass die Jobcenter bei Menschen, die jahrelang ohne Job waren und deren Produktivität beim Wiedereinstieg in den Job zunächst sehr viel geringer ist, den Lohn auf das Niveau der staatlichen Grundsicherung aufstocken. Der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer müssten sich aber Mühe geben, diese Situation so schnell wie möglich zu beenden und auf ein gutes Lohnniveau zu kommen. "Abhängigkeit von uns kann kein Dauerzustand sein", sagte er. Es sei für ihn nicht hinnehmbar, "wenn Arbeitgeber das Aufstocken zum Geschäftsmodell machen".

Die vielfach befristeten Jobs bezeichnete er für die jungen Leute als wirklich problematisch. "Wenn man Familie haben, ein Auto kaufen, einen Kredit für die Wohnung haben will, gehört dazu Berechenbarkeit auf der Einkommensseite", kritisierte Weise.

Das Ausmaß der Zeitarbeit, die die Gewerkschaften als Leiharbeit bezeichnen, sei durch mehrere Entscheidungen der Politik dagegen erträglich geblieben. "Wenn wir Zeitarbeit hier in Dimensionen wie in Großbritannien hätten, gäbe es in Deutschland zwei Millionen statt 800.000 Zeitarbeiter. Hätten wir mehr als eine Million Zeitarbeiter, wäre dies ein Signal für eine Strukturveränderung, die nicht zu unserem Jobsystem passt", sagte der BA-Chef. Zeitarbeit sei ein Puffer für Unsicherheit und Kapazitätsspitzen. Sie sollte sich "auf diesen Kern des Geschäfts konzentrieren und kein Modell sein, um niedrigere Lohngruppen in einem Betrieb zu etablieren".

Weise sprach sich dafür aus, die Agenda 2010 im Sinne stabilerer Beschäftigungsverhältnisse weiterzuentwickeln. "Viele haben jetzt eine Arbeit, aber die ist oft noch atypisch, gefährdet, befristet, nicht gut bezahlt. Der nächste Schritt muss sein, diesen Menschen ganz intensiv eine Chance zu geben, voranzukommen. Bei der Zeitarbeit heißt das: Wir müssen davon weg, dass unsere Kunden dort rein- und rausgehen und zwischendurch auf Hartz IV angewiesen sind. Wir haben manchmal zu oft zehn Menschen in Zeitarbeit vermittelt statt zwei in einen Handwerksbetrieb oder ein anderes kleines oder mittelständisches Unternehmen. Letzteres wäre aber volkswirtschaftlich unter Umständen besser. Deshalb ändern wir das gerade", kündigte der BA-Chef an.

Das vollständige Interview lesen Sie in der Samstagsausgabe der "Süddeutschen Zeitung".