Von Claus Hulverscheidt

Desaster in der Kasse: Die Bundesregierung muss im kommenden Jahr beinahe doppelt so viele neue Schulden aufnehmen wie bislang geplant.

Die Bundesregierung muss im kommenden Jahr beinahe doppelt so viele neue Schulden aufnehmen wie bislang geplant. Das geht aus dem überarbeiteten Etatentwurf für 2009 hervor, über den der Haushaltsausschuss des Bundestags an diesem Donnerstag abschließend beraten wird.

Noch im Juni hatte Finanzminister Peer Steinbrück eine Senkung von derzeit 11,9 Milliarden auf 10,5 Milliarden Euro angekündigt (© Foto: dpa)

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Danach steigt die Nettokreditaufnahme auf voraussichtlich 17,9 Milliarden Euro. Noch im Juni hatte Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) eine Senkung von derzeit 11,9 Milliarden auf 10,5 Milliarden Euro angekündigt.

"Sparkurs mit der Brechstange"

Damit wird Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihr Ziel, zum Ende der nächsten Legislaturperiode, also 2013, erstmals seit mehr als vier Jahrzehnten wieder ohne neue Schulden auszukommen, kaum noch erreichen können. Vielmehr sieht die aktualisierte Finanzplanung für 2012 immer noch eine Nettokreditaufnahme von zehn Milliarden Euro vor. Diese Zahl binnen eines Jahres auf null zu reduzieren, ist kaum zu schaffen.

Schuld an der Entwicklung ist in erster Linie die weltweite Finanzkrise, die das Wirtschaftswachstum in Deutschland komplett abgewürgt hat. Das führt zu Steuermindereinnahmen auf der einen und höheren Ausgaben auf der anderen Seite. Hinzu kommt das Konjunkturprogramm, das das Kabinett in der vergangenen Woche beschlossen hatte.

Insgesamt belaufen sich die Mindereinnahmen im Vergleich zur bisherigen Planung auf vier Milliarden Euro. Dahinter verbergen sich unter anderem die Kfz-Steuerbefreiung für Käufer von Neuwagen und die verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten für Unternehmen. Die Ausgaben steigen um weitere zwei Milliarden Euro auf 290,5 Milliarden Euro. Hier schlagen vor allem die höheren Verkehrsinvestitionen zu Buche.

Neben der Finanzkrise machen den Experten von Regierung und Koalition aber auch die zusätzlichen Ausgabenwünsche der Fachpolitiker zu schaffen. Aus Koalitionskreisen verlautete, auch die Haushälter sähen ein, dass der konjunkturelle Abschwung nicht durch einen "Sparkurs mit der Brechstange" verschärft werden dürfe.

Angst vor Trittbrettfahrern

Derzeit seien aber nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik Trittbrettfahrer unterwegs. "Vieles von dem, was wir bei der Haushaltsaufstellung im Juni längst abgeräumt hatten, wird jetzt unter dem Deckmantel der Finanzkrise wieder aufgetischt", hieß es in den Kreisen.

"Dabei haben viele dieser Posten gar nichts mit der Krise zu tun, noch sind sie geeignet, das Wachstum wieder anzukurbeln." Besonders die neue Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) tue sich mit zusätzlichen Wünschen hervor. Auch im Finanzministerium hieß es, Haushälter hätten derzeit "keine Lobby".

Offensichtlich genießen Steinbrück und die Finanzexperten von Union und SPD anders als noch im Frühjahr nicht mehr die uneingeschränkte Unterstützung durch Kanzlerin Merkel und die Spitzen der Koalitionsfraktionen.

Die Fraktionsführungen geböten dem Treiben der Fachpolitiker nicht energisch genug Einhalt, und Merkel selbst habe durchgesetzt, dass die Verkehrsinvestitionen im Rahmen des Konjunkturprogramms um eine Milliarde Euro aufgestockt würden, hieß es in den Kreisen. Dabei habe selbst der zuständige Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) nur 500 Millionen Euro zusätzlich beantragt, weil er mangels baureifer Projekte gar nicht mehr Geld ausgeben könne.

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(SZ vom 19.11.2008/hgn)