Bundesagentur für Arbeit Asylbewerber könnten mit Langzeitarbeitslosen um Jobs konkurrieren

Arbeitsmarkt: Asylbewerber in einem Unternehmen in Brandenburg (Archiv)

(Foto: dpa)

Flüchtlinge drängen auf den Arbeitsmarkt - mit welchen Folgen? Was die Bundesagentur für Arbeit erwartet.

Von Thomas Öchsner

Die ersten hundert Tage im Amt hat sich Detlef Scheele, 59, zurückgehalten. Nun spricht er. Zum ersten Interview seit seinem Amtsantritt als neues Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA) empfängt der frühere Hamburger Sozialsenator in der Berliner Hauptstadtvertretung der Nürnberger Behörde. Scheele, seit Jahrzehnten SPD-Mitglied, galt schon in der Hansestadt als Mann klarer Worte. Jetzt sagt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Hinblick auf die Flüchtlinge: "Wir sollten nicht zu hohe Erwartungen haben. Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht zehn Prozent eine Arbeit haben, nach fünf Jahren ist es die Hälfte, nach 15 Jahren 70 Prozent."

Scheele rechnet damit, dass es Mitte des zweiten Quartals in den Jobcentern "so richtig losgeht". Dann seien viele Asylbewerber anerkannt und könnten um Hilfe bitten. Die Bundesagentur für Arbeit kalkuliert dabei 2016 mit 350 000 Flüchtlingen, die auf die staatliche Grundsicherung (also Hartz IV) angewiesen sein werden. Mit dem durchschnittlichen Arbeitnehmer in Deutschland könnten die Neuankömmlinge "in absehbarer Zeit nicht in Konkurrenz treten. Dafür ist ihr Aufholweg viel zu lang", sagt Scheele.

Er räumte aber ein, dass Flüchtlinge mit einheimischen Langzeitarbeitslosen um Jobs konkurrieren könnten. "Das kann im Einzelfall so sein, wenn keine besondere Qualifikation gefragt ist. Einheimische Arbeitslose haben vor allem den Sprachvorteil. Flüchtlinge punkten durch Motivation, ihr jugendliches Alter und ihre Zielstrebigkeit. Die Menschen sind ja nicht hier her gekommen, um in einem Zeltlager zu bleiben. Sie wollen doch vorankommen", sagte er.

"Notfalls sind dafür Hausbesuche nötig"

Es gebe auch das Problem, dass Flüchtlinge keine Ausbildung anfangen und erst einmal Geld verdienen wollten, um es in die Heimat zu schicken. "Dann ist die Versuchung hoch, vielleicht für zehn Euro etwa als Packer zu arbeiten." Man werde aber alles tun, um zu verhindern, dass sich eine neue unerwünschte Konkurrenz im Niedriglohnbereich bildet.

Scheele wies darauf hin, dass es unter den deutschen Hartz-IV-Empfängern 200 000 bis 400 000 Langzeitbezieher gebe. "Viele bekamen schon die alte Sozialhilfe vor den Hartz-Reformen." Oft werde Langzeitarbeitslosigkeit von den Eltern an die Kinder vererbt. "Kinder müssen erleben, dass ihre Eltern mit oder vor ihnen aufstehen, dass es normal ist, aus dem Haus und zur Arbeit oder zur Schule zu gehen. Notfalls sind dafür Hausbesuche nötig", sagte er.

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"Wir sind gut vorbereitet"

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