Buchmesse Immer leicht euphorisch

Vor einigen Jahren gab es große Zweifel, ob es mit dem Buchgewerbe noch lange so weitergehen würde. Der Markt hat sich durch die Digitalisierung zwar verändert, aber das gebundene Werk keineswegs verdrängt.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Wäre sie in Berlin vorstellbar, wo sich die Leute abends verlaufen? In München, mit fest gebuchten Tischen im Hofbräuhaus? Oder in Hamburg? Nein, die Buchmesse gehört zu Frankfurt, sie passt zu dieser Stadt.

Von Thomas Steinfeld

Im Oktober, zur Zeit der Buchmesse, hat der Herbst in Frankfurt meist noch kaum begonnen. Die Blätter halten sich noch an den Bäumen fest, das Wetter ist oft erstaunlich schön. Dies wären die Tage, um mit dem Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, einem Mann, der bis über die Ohren angefüllt zu sein scheint mit Kenntnissen aus dem Privatleben der besseren Gesellschaft dieser Gegend, bei Eltville am Rhein spazieren zu gehen. Der Weg führt über die ehemaligen Treidelpfade. Linker Hand treiben die Schiffe den Fluss hinunter. Rechter Hand liegen die Villen der Gründerzeit und der vorvorigen Jahrhundertwende, und über jede weiß Martin Mosebach eine Geschichte zu erzählen. Oder man könnte in Kronberg zu einer Wanderung durch die Buchenwälder des Taunus aufbrechen, vielleicht im Gedenken an die Jahre, in denen Peter Handke hier ein Reihenhaus bewohnte. Aber nein, es ist Buchmesse, und die schönen Tage werden in den gigantischen Hallen verbracht, die sich zwischen Westend und Gallusviertel erstrecken.

Viele Besucher warten darauf, dass sie jemanden erkennen. Oder besser noch: erkannt werden

Frankfurt ist zwar eine große, aber keine sehr große Stadt. Wenn eine der wichtigen Messen stattfindet, die Automobilmesse zum Beispiel, die Messe für Sanitäranlagen oder eben die Buchmesse, prägen die Besucher das Gemeinwesen. Das geht umso leichter, als das Gemeinwesen um die Messe herum eher dünn besetzt ist - auf der einen Seite der Messehallen liegt das Bankenviertel, auf der anderen das Rebstockgelände mit dem großen Schwimmbad (in dem der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld jeden Morgen seine Runden zog), und der Rest besteht im Wesentlichen aus Infrastruktur. Auf diesen Wegen, vom Flughafen zum Bahnhof, vom Bahnhof zum Messegelände und zurück, unter gelegentlicher Berührung des Hotels "Frankfurter Hof", ziehen dann innerhalb von fünf Tagen fast dreihunderttausend Menschen hin und her. Weil die Hotels zu Messezeiten teuer sind und viele Verlage, aber auch Zeitungen, die Kosten der Bequemlichkeit scheuen, gibt es Besucher der Buchmesse, die Geschichten aus Bad Vilbel oder aus Neu-Isenburg erzählen können. Dort wurden für sie günstige Zimmer gefunden, und wenn sie von dort kommen, wissen sie manchmal von Begebenheiten aus einem kleinbürgerlichen Milieu zu berichten, in das man verschlagen werden muss, um es zu finden.

In vielen Verlagen gibt es ältere Mitarbeiter, die sich daran erinnern können, dass die Buchmesse früher, zumal während ihrer ersten drei Tage, tatsächlich vor allem eine Geschäftsmesse war. Das heißt: eine einzigartige Gelegenheit, um Übersetzungsrechte zu verkaufen und zu kaufen, um gemeinsame Projekte auszuhandeln, in erster Linie zwischen Verlagen, um Stimmungen auszuloten und Trends zu erkennen, um auf Ideen zu stoßen, die man übernehmen oder entwickeln konnte, um Autoren herumzuführen, um den Buchhändlern das Programm zu zeigen und sie bei ihren Bestellungen zu beraten - oder auch: um sich nach Aufträgen oder gar einer neuen Stelle umzusehen.

Das alles geschieht immer noch, aber die Gelegenheit ist nicht mehr einzigartig. Die meisten dieser Tätigkeiten und Vorhaben lassen sich mittlerweile ohne größeren Aufwand am Computer erledigen. Aber das ist im Bankwesen genauso. Trotzdem gibt es das Bankenviertel, und es wächst sogar immer weiter. Offensichtlich ist es so, dass die physische Präsenz innerhalb einer Gemeinschaft umso dringlicher wird, je leichter deren Mitglieder auch digital miteinander kommunizieren können.

Es gibt Menschen, die auf der Buchmesse hart arbeiten: die Agenten etwa, die Rechte verkaufen, die Pressereferenten der deutschen Publikumsverlage zum Beispiel, die zehntausend akkreditierte Journalisten und zweitausend Blogger mit Stoff versorgen müssen, oder die Vertriebsmitarbeiter, die zahllosen Buchhändlern mit Zuversicht aufhelfen und nebenbei aufpassen müssen, dass nicht allzu viele Bücher aus den Regalen gestohlen werden. Außerdem vielleicht ein paar Journalisten der großen Feuilletons, denen bis nachmittags um drei Uhr eine gute Geschichte für die Ausgabe von morgen eingefallen sein muss, während sie gleichzeitig eines der Hunderten Podiumsgespräche moderieren müssen. Überraschend viele Menschen aber, bekannte, weniger bekannte und gänzlich unbekannte, sind einfach nur da. Sie lassen sich mit unzähligen anderen Menschen durch die wenigen Hallen treiben, in denen die großen deutschsprachigen Verlage ihre Stände haben, und warten darauf, dass sie jemanden erkennen, oder besser noch: dass sie erkannt werden.

Für diese Messegäste fanden sich bis vor wenigen Jahren Orte, an denen sie stets willkommen waren, auch wenn keiner so richtig etwas mit ihnen anfangen konnte. Diese warmen Plätze wurden von mächtigen Verlegern beherrscht, Menschen von scheinbar freundlicher Gesinnung, unendlicher Langmut und erstaunlichem Gedächtnis, die an ihren Ständen Hof hielten: Siegfried Unseld war ein solcher Hofhalter bei Suhrkamp, Michael Krüger war es bei Hanser, Alexander Fest bei Rowohlt. Bei den großen Verlagen sind diese Menschen verschwunden. Bei einigen kleinen leben sie zwar fort - Dietrich zu Klampen (Verlag zu Klampen) ist beispielsweise von solcher Statur, Wolfgang Hörner (Galiani) und Andreas Rötzer (Mattes & Seitz) könnte sie in Zukunft noch erreichen. Insgesamt jedoch scheint das Gewerbe heute in kleineren Maßstäben zu arbeiten. Das muss kein Nachteil sein, bedeutet die Abwesenheit einer einzelnen charismatischen Figur doch oft mehr Freiheit und Beweglichkeit für die einzelnen Programme. Am Ende aber vermisst man doch das vertraute Gesicht des einst berühmten Autors, der schon lange kein Buch mehr geschrieben hatte, aber dennoch Jahr um Jahr am Stand seines Verlags sitzen und darauf warten durfte, dass ihm endlich wieder jemand eine professionelle Frage stellte.

Es wäre ein Irrtum zu glauben, im Mittelpunkt der Buchmesse stünde das Buch. Gelesen wird auf der Messe nicht, auch wenn das liebste Motiv der Fotografen, die der Messe beiwohnen, Menschen zu sein scheinen, die in Bücher gucken. Im Mittelpunkt der Messe stehen vielmehr Menschen, die sich mit Büchern beschäftigen. Weil das so ist, kommen die wenigsten Besucher mit einem festen Anliegen nach Frankfurt. Stattdessen kommen sie mit einer Erwartung, die nicht mehr als vage sein muss, sich dann jedoch in Ketten von Begegnungen realisiert, die in weitere Begegnungen münden. Auf diese Weise ist nicht nur für eine leicht euphorische Grundstimmung gesorgt, nicht nur für ein aufmerksames Publikum bei den zahllosen Lesungen und Gesprächsrunden, sondern auch tatsächlich für Ereignisse, bei denen es plötzlich notwendig, ja zwangsläufig erscheint, dass sie auf der Buchmesse stattfinden: Der Auftritt des türkischen Journalisten Can Dündar auf der Buchmesse des vergangenen Jahres war ein solches Ereignis. Die illusionslose Klarheit, mit der er erläuterte, wie sich die Türkei allmählich in eine islamistische Diktatur verwandelt, erhielt innerhalb der Buchmesse eine Wucht, die sie nicht gewonnen hätte, wenn sie vor einem Parlament dargeboten worden wäre.

Zur Messe zählen auch Bereiche, auf die nur selten das Licht der Feuilletons fällt

Frankfurt war einmal eine der großen deutschen Verlagsstädte. Das ist nicht mehr im selben Maße der Fall, seit der Suhrkamp Verlag zu Beginn des Jahres 2010 nach Berlin zog - ein Haus, in dem die Bindung der Autoren an ihren Verlag ungewöhnlich eng war, was nicht nur für deutschsprachige Schriftsteller und Gelehrte, sondern auch für viele ausländische Autoren galt, sowohl in der Literatur als auch in der Wissenschaft. Vielleicht war aber diese Form des intellektuellen Zuhauses unter verschärften ökonomischen Bedingungen zuletzt nicht mehr fortzuführen, so dass der Wegzug einer gegen die häusliche Tradition erzwungenen Modernisierung gleichkam - während der S. Fischer Verlag, ein Konzernunternehmen, aber doch eines mit einem deutlichen Profil, in Frankfurt bleibt. Gleichzeitig scheint man in Frankfurt zu wissen, was Buch und Buchmesse für diesen Ort bedeuten: Anderenfalls wäre die Literaturkritikerin Ina Hartwig kaum die Kulturreferentin der Stadt geworden.

Vielleicht überwiegen in dieser Entwicklung sogar die Vorteile. Denn für viele Besucher ist Frankfurt ebenso heimisches wie extraterritoriales Gelände. Sie kehren abends nicht zu Freunden und Familien zurück, es eröffnen sich ihnen wenige private Kreise. Sie finden Aufnahme in einer Stadt, die das Aufnehmen von Fremden gewöhnt ist, nicht nur des Flughafens wegen, denn dieser ist jung, gemessen an der Geschichte einer alten Handelsstadt. Sie ziehen von Station zu Station, treffen immer wieder auf sich selbst, auf Kollegen, auf Bekannte und manchmal auch auf Einheimische. Deren besondere Tugend besteht oft darin, so tun zu können, als seien auch sie keine Frankfurter, obwohl sie in der Stadt leben, womöglich sogar dort geboren sind. Joachim Unseld, der Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, kann zum Beispiel sehr französisch wirken. Barbara Klemm, die ehemalige Fotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erinnert sich zwar gern an ihre Herkunft aus Karlsruhe, gehört dann aber doch ins Nordend. Und Wilhelm Genazino schließlich, der in Mannheim geborene, vorzügliche Repräsentant aller Frankfurter Schriftsteller, vertritt (manchmal wirkt er wie eine von ihm selbst erfundene literarische Figur) einen Charakter, der sich in dieser Gegend besonders wohl zu fühlen scheint: den Angehörigen einer braven Bohème. Er ist ein seriöser Mensch, aber er ist imstande, einen Nachmittag an einem Wasserhäuschen zu vertrödeln. Vielleicht trifft er dort seine Kollegin Eva Demski, die, ebenso unverwüstlich wie viel geliebt, ebenfalls von Frankfurt nicht zu trennen ist.

Ein Fehler wäre es zu glauben, die Buchmesse bestünde hauptsächlich aus den beiden Hallen, in denen die großen deutschen Publikumsverlage untergebracht sind: Rowohlt und Hanser, Aufbau und Luchterhand, Suhrkamp und Wagenbach. Die Messe ist um ein Vielfaches größer, und es gehören Bereiche dazu, auf die selten das Licht der Feuilletons fällt, in denen aber unter Umständen sehr viel mehr Geld als in den Publikumsverlagen verdient wird: angefangen vom Fachverlag für Bücher über Modelleisenbahnen über das Verlagshaus, das Strickanleitungen produziert, und die Verlage für Kalender, Reiseliteratur und Wörterbücher bis hin zur großen Branche, die sich so gut wie ausschließlich um Fachbücher kümmert.

Und dann kommen die Ausländer hinzu, die Amerikaner und die Schweden, die Japaner und die Franzosen, die alle nicht des Publikums wegen nach Frankfurt reisen, sondern um Geschäfte zu machen. Sie tun es zu Tausenden, sie besiedeln ganze Hallen, in denen man sich eher still bewegt, und sie kämen nicht wieder, wenn sie keine Geschäfte mehr machten.

Vor einigen Jahren gab es große Zweifel, ob es mit dem Buchgewerbe noch lange so weitergehen würde, und in dem Maße, wie die Zukunft des Buchs selber in Zweifel geriet, wurde selbstverständlich auch die Buchmesse von einer Unsicherheit ergriffen: Die technischen Fantasien, die der Digitalisierung galten (und teilweise immer noch gelten), hatten sich in moralische Fantasien verwandelt und traten nun als Utopien oder Dystopien auf. Sie haben sich im Laufe der Jahre erledigt, nicht weil sie erfolgreich widerlegt worden wären, sondern weil der Lauf der Zeit ihnen die Energie entzog. Es wurde offenbar, dass das digitale Buch nicht an die Stelle des gedruckten Buches tritt, sondern dass es dieses lediglich um eine digitale Variante ergänzt. Damit veränderte sich zwar der Buchmarkt, und zwar nicht nur durch ein neues Produkt, sondern auch durch Verschiebungen im Verhältnis zwischen den Produkten. Es ist zum Beispiel nicht zu übersehen, dass gebundene Bücher seit einigen Jahren oft deutlich aufwendiger ausgestattet sind, mit gutem Papier und feinem Druck, Lesebändchen und Schuber.

Allen Prognosen zum Trotz: Die Buchmesse hat nicht an Größe eingebüßt

Auffällig ist auch, dass das Verlegen von Büchern immer wieder berühmte Gestalten anzieht, die aus verwandten Branchen hinüberwechseln: Felicitas von Lovenberg, ehemals Literaturkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurde Verlegerin bei Piper, Claudia Baumhöver, ehemals Chefin des Hörverlags, wurde Verlegerin der Deutschen Taschenbuchverlags. Der gesamte Markt wird also nicht kleiner, wenn sich neue Spezialitäten herausbilden, was schließlich auch an der Buchmesse selber zu erkennen ist: Seit etwa zehn Jahren bewahrt sie in etwa dieselbe Größe.

Und so gehört die Buchmesse zu Frankfurt, und Frankfurt gehört zur Buchmesse. Wie sollte es auch anders sein? Man stelle sich vor, die Buchmesse fände in Berlin statt: Sie würde sich nach achtzehn Uhr in der Stadt verlaufen. Man stelle sich vor, die Buchmesse fände in München statt (diese Idee gab es vor einigen Jahren): Sie wäre eine mehr oder minder geschlossene Veranstaltung, womöglich sogar auf dem Messegelände in Riem, weit jenseits von Literaturhaus und Monacensia, aber vermutlich mit fest gebuchten Tischen im Hofbräuhaus. Und man stelle sich vor, sie fände in Hamburg statt: Dort wäre vielleicht sogar schon das Laub gefallen. Und so bleiben wir in Frankfurt.