Buchmarkt Amazon will ins Verlagsgeschäft

Der Versandhändler Amazon bald im Verlagsgeschäft? Die Hinweise darauf mehren sich.

(Foto: Matt Cardy/Getty Images)

Neue Spekulationen um Amazon: Der Versandhändler plant den Verlag Simon & Schuster zu übernehmen. Tatsächlich aber geht es um mehr: um die Vorherrschaft auf dem Buchmarkt.

Von Jörg Häntzschel

Es war so etwas wie ein kollektiver Stoßseufzer, den man am Mittwochmorgen aus lauter mit zu vielen Büchern vollgestopften Wohnungen in Brooklyn, an der Upper West Side, in Harlem hören konnte, den Vierteln, in denen Lektoren, PR-Leute, Gestalter, Kritiker und die vielen anderen wohnen, die in New York ihr Leben mit Büchern verdienen. Amazon, so meldeten die iPhones, wolle den Verlag Simon & Schuster übernehmen. Würde sich das Gerücht bestätigen, würde ein Albtraum der literarischen Welt wahr - und nicht nur in den USA.

Immerhin so viel scheint sicher zu sein: Wenn Jeff Bezos, der Gründer und CEO von Amazon, sich mit Les Moonves trifft, dem Chef des Mediengiganten CBS, der Mutterfirma von Simon & Schuster, dann steht einiges auf dem Spiel. Moonves heizte die Spekulationen noch an, als er sagte: "Amazon hat eine sehr entschiedene Position dazu, was im Verlagsgeschäft passieren sollte. Es wird sehr interessant sein, das zu beobachten."

Was auch immer Amazon mit dem Verlag, einem der amerikanischen "Big Five" zu besprechen hat - es sieht ganz so aus, als nähme die schon drei Monate währende Auseinandersetzung zwischen Amazon und Verlagen in den USA, Großbritannien und Deutschland an Dramatik zu.

Es hatte harmlos begonnen: Kunden und Autoren fiel auf, dass Bücher der Verlagsgruppe Hachette, die ebenfalls zu den "Big Five" gehört, bei Amazon erstaunlich lange Lieferzeiten hatten; dass sie zum Listenpreis angeboten wurden, nicht wie üblich weit darunter; dass neue Titel sich nicht mehr vorbestellen ließen.

Man möge die Bücher doch bitte einfach bei der Konkurrenz kaufen

Aus Deutschland kamen ähnliche Berichte: Auf Bücher aus den Verlagen der Bonnier-Gruppe, darunter Piper, Carlsen und Berlin Verlag, müssen die Kunden Tage und Wochen warten. Business as usual, erklärte Amazon nach langem Schweigen, "laufende Verhandlungen". Man möge die Bücher doch bitte einfach bei der Konkurrenz kaufen. Amazon, das aus eigener Sicht "verbraucherfreundlichste", für viele indes gierigste Unternehmen der Welt schickt seine Kunden zur Konkurrenz? Spätestens da war klar, dass Krieg herrschte und dass Amazon nicht vor der "nuklearen Option" zurückschreckte, wie ein Autor es nannte.

Erst viel später verrieten Amazon und die Verlage, worüber sie stritten: Amazon will von Hachette höhere Rabatte für E-Books: 50 statt wie bisher 30 Prozent. Amazon, der selbsternannte Robin Hood der Konsumenten, klopft sich für seinen Boykott gegen Hachette und Bonnier auf die Brust: "Die Konditionen, zu denen wir handeln, bestimmen, wie gut die Preise sind, die wir den Kunden bieten können", so Amazon-Mann Russ Grandinetti. "Wir haben immer für das Wohl der Verbraucher gekämpft." Doch die Argumente überzeugen nicht, erst recht nicht in Deutschland, wo auch E-Books der Preisbindung unterliegen, die Rabatte also nur Amazon selbst zugutekommen würden.