Bruttonationalglück Dieser Mann verwaltet das Glück eines ganzen Landes

Kümmert sich um das Bruttonationalglück der Bürger von Bhutan: Ha Vinh Tho

(Foto: Caspar Dohmen)
  • In Bhutan wird das Regierungshandeln ganz offiziell am Glück ausgerichtet.
  • Ha Vinh Tho ist Leiter des dortigen "Zentrums für Bruttonationalglück".
  • Er kritisiert, dass immer nur von Wachstum geredet werde - dabei müsse sich die Welt an anderer Stelle viel dringender weiterentwickeln.
Von Caspar Dohmen

Ha Vinh Tho hat jahrelang Unglück in aller Welt erlebt, bevor er zum Programmverantwortlichen des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan wurde: Als Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes war er in vielen Regionen unterwegs, die von Krieg oder Naturkatastrophen gebeutelt waren. Der 65-Jährige erzählt am Rande der Generalversammlung der GLS-Bank vom Leid der Menschen, von Dürren und von Bürgerkriegen, die nur wegen der Produktion von Waffen möglich seien.

Mit Blick auf das jüngste Rüstungsgeschäft der USA mit Saudi-Arabien weist Tho auf den seiner Meinung nach fatalen Zusammenhang zwischen Wachstum, Waffenproduktion und Kriegen hin und kritisiert, dass alle entwickelten Länder große Waffenindustrien hätten, einschließlich Deutschlands. Und die Wohlstandsgewinne durch Wachstum würden dann auch noch sehr ungerecht verteilt.

Tho fragte sich im Lauf der Zeit immer öfter, was er jenseits der humanitären Hilfe beim Roten Kreuz noch unternehmen könne, um die Welt zu verbessern. Bei seiner Suche stieß er auf das Bruttonationalglück, eine Idee, die anfangs nur belächelt wurde. Sie kam auf als Reaktion des Königs von Bhutan auf die Frage eines indischen Journalisten 1979 nach dem Bruttoinlandsprodukt des Zwergstaates. Der junge buddhistische Monarch Jigme Singye Wangchuck antwortete, ein allein auf das Wachstum des Geldes angelegtes Maß sei unzureichend, um den Wohlstand einer Gesellschaft zu messen. Später begann Bhutan, sein Regierungshandeln ganz offiziell am Glück auszurichten.

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Heute wird der Ansatz nicht mehr als "Träumerei aus Bhutan" belächelt, sondern aufgegriffen, von Unternehmen, Kommunen und Ländern. 2012 richteten die Vereinten Nationen sogar eine Konferenz zu dem Thema aus. Als alle Welt auf Bhutan schaute, entschied sich die Regierung für die Gründung eines Programmzentrums für das Bruttonationalglück. Weil sich im Land unter einer Million Einwohnern kein passender Glücksverantwortlicher fand, schrieb man die Stelle für den Programmverantwortlichen aus. Unter 150 Bewerbern aus aller Welt fiel die Wahl auf Tho, einen freundlichen Menschen mit Weitblick und eigenwilligen Ideen, dessen Eltern aus Frankreich und Vietnam stammen und der mit seiner Familie in der Schweiz lebte. Tho hatte einen eigenen Weg beschritten, beispielsweise die Tanzlehre des Anthroposophen Rudolf Steiner - Eurythmie - erlernt, später Psychologie und Pädagogik studiert. Er war Lehrer an einer Waldorfschule, bevor er zum Roten Kreuz wechselte, wo er für die Ausbildung von Menschen für den Einsatz in Krisengebieten verantwortlich war.

"Es braucht eine radikale Infragestellung des jetzigen Systems", sagt er über dieVereinbarkeit des heutigen Kapitalismus mit dem Bruttonationalglück. Weil die strukturellen Probleme nach der Finanzkrise nicht angegangen worden seien, sei die nächste Krise programmiert. "Es wird immer von Wachstum geredet, aber wir wissen, die entwickelten Länder sind längst an eine Wachstumsgrenze gekommen." Wer die Wirtschaft dennoch auf Wachstum trimme, könne dies nur auf Kosten von Mensch und Umwelt tun. Die Welt müsse sich von zwei Polen aus verändern - vom Einzelnen her, der statt nach materiellem nach geistigem Wachstum strebe, und von den Institutionen her, die sich radikal verändern müssten.

Einen Masterplan hat Tho nicht parat, den brauche es aber auch nicht: "Wichtig ist vielmehr, dass die Dinge überhaupt in Bewegung kommen." Dass sich die Weltgesellschaft drastisch verändern wird, ist für ihn eine ausgemachte Sache, offen sei nur die Frage, ob dies durch Leid oder Einsicht geschehe.

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