Branchen im Abschwung Der Handel leidet erst nächstes Jahr

Deutschlands Läden sind bisher von der Rezession verschont geblieben. Pleiten und Zusammenschlüsse werden das Geschäft einschneidend verändern.

Von S. Weber

Wiesbaden, Trier, Passau, Duisburg, Düsseldorf, Münster, Aachen - die Liste der Städte, in denen in den vergangenen drei Monaten großflächige Einkaufszentren mit jeweils bis zu 100 Läden eröffnet wurden, ist lang. Und es geht weiter: In den nächsten drei Jahren entstehen nach Berechnungen des Handelsforschungsinstituts EHI bundesweit mindestens 75 weitere Center.

Großflächige Einkaufszentren - wie hier die Stadtgalerie in Passau - sind in den vergangenen Monaten in mehreren Städten Deutschlands eröffnet worden.

(Foto: Foto: dpa)

Sie werden mit einer Verkaufsfläche von 1,8 Millionen Quadratmetern Platz bieten für mehr als 5000 neue Läden. Die Investitionen dafür summieren sich auf knapp acht Milliarden Euro - was zeigt, dass es eine Menge Leute gibt, die davon überzeugt sind, dass sich im deutschen Einzelhandel weiterhin Geld verdienen lässt.

Kurzfristig ist das allerdings eher ungewiss. Über das Weihnachtsgeschäft lässt sich zwar noch kein abschließendes Urteil fällen. Aber nach allem, was bisher bekannt ist, ist es in den vergangenen Wochen für die meisten Einzelhändler nicht schlecht gelaufen. Angesichts der prekären Situation anderer Branchen hat der Handel wenig Grund zur Klage.

"Die Krise ist im Einzelhandel noch nicht angekommen", hat Eckhard Cordes, Chef des größten deutschen Handelsunternehmens Metro, kürzlich festgestellt. "Wir sind zufrieden. Die Umsätze bewegen sich auf dem Niveau des Vorjahres", heißt es beim Warenhauskonzern Karstadt. Der Branchenverband HDE könnte mit seiner Prognose recht behalten, wonach der Handel 2008 ein nominales Umsatzplus von 1,5 Prozent erzielt. Unter Berücksichtigung von Preissteigerungen entspricht dies jedoch einem Minus von einem Prozent gegenüber 2007.

Für die meisten Ladenbetreiber wird 2009 wohl enttäuschend. "Abgesehen von Firmenkonjunkturen wird es für den Handel 2009 kein Umsatzwachstum geben", sagt Josef Sanktjohanser, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE). Auch in den Umfragen zur Konsumstimmung ist ein Trend klar herauszulesen: Viele Verbraucher blicken pessimistisch in die Zukunft. Sie bangen um den Arbeitsplatz und wollen ihren Konsum einschränken. Vor allem bei größeren Anschaffungen und Urlaubsreisen legen sie sich Zurückhaltung auf. Stattdessen wollen sie mehr Geld zurücklegen.

Die Kaufabsichten der Deutschen - Nebelwand für den Handel

Dabei haben die Deutschen bereits im bisherigen Jahresverlauf mehr als elf Prozent ihres verfügbaren Einkommens gespart - so viel wie seit 1994 nicht mehr. Angesichts der geringen Verbreitung von Aktien haben nur wenige Anleger spürbare Vermögenseinbußen erlitten. Dagegen sind Löhne und Gehälter 2008 gestiegen, und die zwischenzeitliche Preisexplosion bei Benzin und Lebensmitteln ist bereits wieder Vergangenheit.

Nach Berechnung des Marktforschungsunternehmens GfK ist die Kaufkraft der Bundesbürger 2008 um 3,8 Prozent höher als im Jahr zuvor - ein Plus deutlich über der Inflationsrate. Für 2009 prognostizieren die Marktforscher einen Anstieg von 1,1 Prozent. Dieser Zuwachs wird aber wohl komplett durch die Teuerung aufgefressen.

Für die Handelsunternehmen verspricht dieses Szenario wenig Gutes. Metro-Chef Cordes vergleicht die Situation mit einer Nebelwand: Niemand wisse, ob sich dahinter eine gut befahrbare Straße oder eine holprige Wegstrecke verberge. Vorsichtshalber nimmt der Konzernlenker den Fuß vom Gas. Die Investitionen des größten deutschen Handelskonzerns werden zunächst um knapp zehn Prozent gekürzt. Andere Unternehmen wollen davon nichts wissen. "Volle Kraft voraus", heißt es etwa bei der Rewe-Gruppe.

Beobachter sind davon überzeugt, dass die ohnehin von Überkapazitäten gekennzeichnete Branche in den nächsten Monaten kräftig durchgeschüttelt werden wird. Auslese und Konzentrationsbewegungen werden sich beschleunigen. Zuletzt war die Zahl der Pleiten im Einzelhandel mit 3500 pro Jahr stabil gewesen. Darunter waren auch die ehemaligen Karstadt-Quelle-Tochtergesellschaften Hertie, Sinn-Leffers und Wehmeyer.

Sanktjohanser erwartet einen Insolvenzanstieg in Richtung 5000. Spannung verspricht auch die Frage nach der Zukunft der beiden großen Warenhausunternehmen Kaufhof und Karstadt. Nicht auszuschließen ist, dass sie 2009 zueinander finden. Aber dann steht die Branche erst recht vor einschneidenden Veränderungen. Denn in Deutschland ist auf lange Sicht kein Platz für die von Kaufhof und Karstadt gemeinsam auf die Waage gebrachten 200 Warenhäuser.