Börsengang von Rocket Internet Die große Samwer-Wette

In der Zukunft kaufen die Menschen nicht mehr im Laden um die Ecke, sondern im Netz - vor allem in den Schwellenländern. Darauf spekuliert Oliver Samwer, deswegen hat er Rocket Internet an die Börse gebracht. Kann der Plan aufgehen?

Von Varinia Bernau

Er war gekommen, um ihnen ins Gesicht zu spucken: "Geschäfte sind Mittelalter. Sie wurden nur gebaut, weil es kein Internet gab", schmetterte Oliver Samwer dem Publikum auf einem Kongress entgegen. Dort saßen gestandene Manager von Carrefour, Metro und Walmart. Menschen, die in der Logik des Internetunternehmers einfach nicht kapieren, dass man keine Supermärkte und keine Kaufhäuser mehr braucht, wenn man im Handel das große Geld machen will. "Sie verstehen das nicht, weil Sie zu alt sind und zu alte Kunden befragen", stänkerte Samwer.

Es ist einfach, andere als Ewiggestrige abzutun, so lange man selbst noch nicht beweisen musste, dass man die Zukunft verstanden hat. In dieser Woche ist Samwer gleich zwei Mal angetreten, um erste Beweise zu erbringen. Am Mittwoch ging der Internethändler Zalando, den Samwer mit seinem Geld groß gemacht hat, an die Börse. Am Donnerstag folgte die Start-up-Schmiede Rocket Internet, an deren Spitze Samwer steht und deren Umsatz zu zwei Dritteln aus dem Internethandel stammt.

Rocket Internet zündet nicht

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Zum Börsenstart war Zalando etwas mehr als fünf Milliarden Euro und Rocket Internet mehr als sechs Milliarden Euro wert. Auch wenn diese Werte nun den sekündlichen Schwankungen des Aktienmarkts ausgesetzt sind und sich somit ständig ändern, gewähren die Zahlen einen Blick in eine verkehrte Welt: Der Handelskonzern Metro, der mit mehr als 350 Supermärkten in Deutschland und fast 1000 Filialen seiner Media-Saturn-Elektronikfachmärkte einer der größten Handelskonzerne der Welt ist, bringt es dagegen nur auf einen leicht höheren Börsenwert von rund acht Milliarden Euro.

Steckt hinter den Beleidigungen, die Samwer der versammelten Handelsbranche auf ihrem wichtigsten Kongress im Juni entgegen schleuderte, also wirklich mehr als die Arroganz des Neulings?

Mode ordern Deutsche besonders gerne im Netz

Dass die Deutschen immer öfter online statt in der Einkaufsstraße shoppen, ist unbestritten: In diesem Jahr werden sie nach Berechnungen des Instituts für Handelsforschung 42,8 Milliarden Euro bei Einkäufen im Netz lassen. Das ist etwa ein Zehntel dessen, was sie insgesamt ausgeben - ob sie nun Shampoo, schicke Schuhe oder einen Fernseher kaufen. Aber, betont Jörg Funder, der an der Hochschule Worms über Handelsmanagement forscht, auch in den nächsten fünf Jahren wird der Löwenanteil des Umsatzes im Laden und nicht im Netz gemacht.

Immerhin, Mode gehört zu den Dingen, die die Deutschen besonders gern im Netz kaufen. Mit einer Mischung aus analytischem Blick für die Bedürfnisse der Kunden, mit Hartnäckigkeit und Disziplin, aber auch mit enormen Investitionen hat Zalando es in sechs Jahren weit gebracht. Erstmals konnte das Unternehmen kürzlich Gewinn melden: 29 Millionen Euro im zweiten Quartal. Und das, so das Versprechen, sei erst der Anfang: "Unsere 13,7 Millionen Kunden stellen nur etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung der 15 Länder dar, in denen wir derzeit tätig sind", hieß es im Börsenprospekt. Mit anderen Worten: Da ist noch einiges zu holen.