Keine gemeinsame Linie: Verkehrsminister Tiefensee stößt mit seiner Absage an die Bahn-Privatisierung und mit der Kritik an Konzernchef Mehdorn auf Widerstand in der Union.
So deutlich wie nie zuvor hat Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) Ende vergangener Woche dem Vorstandschef der Deutschen Bahn (DB), Hartmut Mehdorn, wegen der Datenaffäre und anderer Pannen das Misstrauen ausgesprochen. Der von Mehdorn seit Jahren vorangetriebenen Privatisierung des Staatsunternehmens erteilte der SPD-Politiker auch noch eine Absage. Jetzt gibt es Krach in der Regierungskoalition um die Bahn.
Der Bund hätte das letzte deutsche Staatsunternehmen schon längst privatisieren wollen. Wegen der Finanzkrise wurde das Vorhaben jedoch erst einmal abgesagt. (© Foto: ddp)
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Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist offenbar ganz und gar nicht damit einverstanden, wie der Partner SPD mit der Bahn und deren Konzernchef umgeht. Kanzleramtschef Thomas de Maizière (CDU) distanzierte sich in ungewöhnlich scharfem Ton von den Einschätzungen seines Kabinettskollegen Tiefensee. "Der Bundesverkehrsminister spricht nicht für die gesamte Bundesregierung, wenn er dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn faktisch das Misstrauen ausspricht", sagte de Maizière der Nachrichtenagentur dpa. Die Aufarbeitung der Datenaffäre gehe doch gut voran. "Jetzt geht es um die Aufklärung des Sachverhaltes, nicht um Personen", sagte der Kanzleramtschef.
Festhalten an Beschlusslage
Auch von Tiefensees Absage an den Börsengang der Bahn will der CDU-Politiker nichts wissen. "Der Bundesverkehrsminister kann nicht einseitig den verabredeten Zeitplan ändern", erklärte de Maizière. Was Gespräche mit geeigneten Investoren im In- und Ausland angehe, gebe es "keine neue Beschlusslage der Bundesregierung".
Aus der Unionsfraktion im Bundestag wird ebenfalls Zuspruch für Mehdorn laut. Der Abgeordnete Georg Brunnhuber sagte, in der Datenaffäre gebe es "überhaupt keinen Grund, auch nur ein Jota Kritik am Bahnvorstand zu üben". Brunnhuber gehört dem Aufsichtsrat der Bahn an, der die Wirtschaftsprüfgesellschaft KPMG sowie die Ex-Minister Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin (SPD) als Sonderermittler eingesetzt hat. Sie sollen herausfinden, wer bei der Bahn für die wiederholte Ausspähung der Belegschaft verantwortlich ist. Die beiden Ex-Minister haben sich wortreich darüber beklagt, in der Bahn lege man ihnen Steine in den Weg.
Dafür werden der ehemalige Bundesinnenminister Baum und die frühere Justizministerin Däubler-Gmelin, die für die SPD nach wie vor im Bundestag sitzt, von Brunnhuber attackiert. Mehdorn habe doch erklärt, wenn es irgendwo klemme, sollten die Sonderermittler sich direkt an ihn wenden. Das hätten Baum und Däubler-Gmelin aber nicht getan, wirft ihnen Brunnhuber vor. Bei dem CDU-Abgeordneten nährt das den Verdacht, den beiden Ex-Ministern gehe es gar nicht um die Aufklärung der Affäre. Sondern um politische Ziele. Auch beim Thema Börsengang widerspricht Brunnhuber Verkehrminister Tiefensee. Union und FDP seien für die Privatisierung.
Es zeichnet sich immer mehr ab, dass Union und SPD mit unterschiedlichen Aussagen über die Zukunft des letzten großen Staatsbetriebs in den Bundestagswahlkampf ziehen. Das SPD-Parteipräsidium, das am Montag beriet, legte sich zwar nicht endgültig fest. Die Tendenz war nach Angaben eines Sitzungsteilnehmers aber klar. "Wir gehen davon aus, dass der Börsengang auf jeden Fall für die nächste Legislaturperiode gestoppt, wenn nicht gar ganz aufgegeben wird."
Gegen Tiefensees Absage an den Börsengang habe es keine Einwände gegeben, nur einen Hinweis von Parteichef Franz Müntefering. Der habe erklärt, dass der Bund wegen des Konjunkturprogramms mehr Geld für die Bahn ausgebe. Das sei wohl nicht jedes Jahr möglich. Die Frage, wie die Bahn auf Dauer finanziert werde, müsse noch beantwortet werden. Doch die Linie in der SPD ist klar: "Die Kapitalprivatisierung der Bahn wird nicht weiter verfolgt", heißt es auch in einer Beschlussvorlage zum Wahlprogramm von SPD-Fraktionsvize Klaas Hübner.
- Datenaffäre bei der Bahn Maulkorb für Mehdorn 27.02.2009
- Börsengang der Bahn Gewerkschaften stützen Tiefensee 16.03.2009
- Bahn: Briefwechsel wegen Daten-Affäre Rüffel von Tiefensee 11.03.2009
- Deutsche Bahn Wochen der Wahrheit 16.03.2009
- Bahn-Affäre Aufklärer ohne Material 04.03.2009
(SZ vom 17.03.2009/mel)
Denn nebenbeschäftigte und korrumpierbare Volksvertreter werden aus purem Eigennutz auf die ideologisch bedingte Privatisierung gewinnträchtiger Teilbereiche der Bahn ebensowenig verzichten - wie sie ernsthaft an einer lückenlosen Aufklärung und an personellen Konsequenzen beim Daten-Skandal der Bahn interessiert sind ...
Winken doch einigen politischen Akteuren für die erfolgreiche Umsetzung der geplanten Teilprivatisierung der Bahn künftig zusätzliche lukrative Ämter und Posten - und droht bei einer lückenlosen Aufklärung der skandalösen Daten-Affäre der Nachweis, dass andere politische Akteure und gegenwärtige Posteninhaber aus der Politik ihre Aufsichtspflicht verletzt haben und/oder in skandalöse Machenschaften bei der Bahn mit involviert sind ...
Bahn kaufte mangelhafte ICE ein. Man denke an die miesen Achsen!
Spitzelaffäre. Massenhaft Zugverspätungen im Fernverkehr. Mangelnde Leistungsfähigkeit im Güterverkehr. Vielerorts Mißmanagement. Teilweise schlechter Zustand des Schienennetzes. Schlechte Wartung der Fahrkartenautomaten (ein Automat seit 9 Monaten nicht funktionsfähig). usw., usf..
Ob Privatisierung oder nicht ist sicher auch eine Überzeugungssache. Der richtige Weg wäre: Erst den Unternehmenswert deutlich steigern, dann einen guten Preis erzielen. Jetzt würde Privatisierung dazu führen, öffentliches Vermögen für einen kleinen Teilwert zu "verramschen".
Mehdorn mag auch gute Seiten haben, aber er ist nicht teamfähig, hat nicht die richtige Einstellung zu einem demokratischen Staat und dessen Organe und hat sich, wie ein selbstherrlicher Gutsbesitzer, sehr verselbständigt. Ist wie ein ausgebrannter Satellit, der außer rand und Band ist.
Die Bahn ist doch schon zum Aussaugen aufgeteilt.
Wie kann einer wie Tiefensee, der bislang ganz brav nach Mehdorns Pfeife tanzte, jetzt den Privatisierungsgegner geben?
Dass Merkel zu Mehdorn steht, spricht für sich.