Börsenabsturz US-Notenbank und China schocken die Märkte

In den USA brechen die Börsen ein wie seit 2011 nicht mehr. Denn Notenbankchef Ben Bernanke versucht den Händler klarzumachen, dass die Fed nicht ewig Geld in die Märkte pumpen wird. Dazu kommen schlechte Nachrichten aus China.

Von Harald Freiberger, Andreas Oldag und Nikolaus Piper, New York

Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, tat das Erwartete: Nach der Sitzung des Offenmarktausschusses der Fed am Mittwoch kündigte er an, dass die Notenbank Ende des Jahres damit beginnen könnte, weniger Geld zu drucken - vorausgesetzt, die Konjunktur läuft so gut wie bisher. Doch für viele Anleger an den Finanzmärkten kam das Erwartete wie ein Schock. Sie sahen nun klarer, dass sich einige Grunddaten an den Märkten dauerhaft ändern würden. Also verkauften sie am Donnerstag in großem Umfang Aktien, Anleihen und Gold.

In Deutschland verlor der Dax 3,28 Prozent und fiel unter die wichtige Marke von 8000 Punkten. Im frühen Geschäft am Freitag erholte sich das Börsenbarometer dann wieder leicht. Der Dow Jones ging um mehr als zwei Prozent zurück und schloss bei 14.758 Punkten. Der Ausverkauf amerikanischer Aktien hatte bereits am Mittwoch begonnen. Gleichzeitig sprang die Rendite von Staatsanleihen in die Höhe.

Neben dem Bernanke-Schock förderte eine weitere Nachricht den Börseneinbruch: In China fiel die Industrieproduktion schwächer aus als erwartet. Ein entsprechender Index der HSBC-Bank war überraschend zurückgegangen. Das drückte auf die Preise von Rohstoffen. Ein Fass Rohöl kostete am Donnerstag in New York 95,41 Dollar, 3,1 Prozent weniger als am Vortag.

Zudem gibt es Probleme am chinesischen Interbankenmarkt. Die Geldhäuser geben sich gegenseitig nicht mehr so gerne Kredit - in der Finanzkrise 2007 hatte dieser Effekt den Geldkreislauf einfrieren lassen. Schon verbreiten sich an den Aktienmärkten Gerüchte, die Bank of China hätte Probleme, an neues Geld zu kommen. Das Institut dementiert dies. Die Finanzmärkte in China stehen schon seit Tagen unter Druck. Allerdings stieg etwa der Hang Seng Index am Nachmittag Ortszeit bereits wieder, nachdem lokale Medien berichtet hatten, dass die chinesische Zentralbank Kapital zur Verfügung gestellt haben soll. Auch der deutsche Aktienindex Dax startete den Handel am Freitagmorgen positiv.

Gegenwärtig pumpt die Fed immer noch in großem Umfang Geld in die Wirtschaft, um Kredite billig zu machen. Jeden Monat kauft sie Hypotheken- und Staatsanleihen für 85 Milliarden Dollar, was einer Geldschöpfung in gleicher Höhe entspricht. Am Mittwoch hatte Bernanke nun klar gemacht, dass er dies Programm ("Quantitative Easing") Ende des Jahres zurückfahren möchte. Mitte 2014 könnten die Käufe ganz enden. Und danach dürfte auch der Leitzins - er gilt für kurzfristige Kredite zwischen Banken - von derzeit knapp über null Prozent wieder steigen. Experten erwarten dies für Anfang 2015.

Seit Anfang Mai spekulieren die Finanzmärkte über eine mögliche Zinswende. Am 22. Mai hatte Bernanke vor dem Kongress in Washington erstmals konkret den Kurswechsel in Aussicht gestellt. Seit Donnerstag gilt dieser nun als sicher und die Märkte stellen sich darauf ein. Das Prinzip: In den vergangenen Jahren brachten sichere Anlagen wie deutsche oder amerikanische Staatsanleihen kaum noch Rendite.

Institutionelle Investoren wichen in Anlageklassen aus, die bei relativer Sicherheit höhere Erträge versprachen, zum Beispiel Aktien mit hohen Dividenden, Investitionen in Schwellenländern oder - als Krisenwährung - auch Gold. "Wenn nun die Aussicht besteht, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen, fließt das Geld aus den Flucht-Anlageklassen ab", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Genau das passiert jetzt.

Am Donnerstag waren die Ausschläge überall zu sehen. Nicht nur die Kurse von Aktien brachen rund um den Globus ein. Der Preis für eine Feinunze Gold fiel um 6,7 Prozent auf 1281 Dollar, den tiefsten Stand seit September 2010. Der Silberpreis sank ebenfalls um gut sechs Prozent. Heftige Reaktionen gab es auch bei Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen kletterte von 1,56 auf 1,67 Prozent, jene von US-Staatsanleihen von 2,31 auf 2,45 Prozent. Noch Ende April hatte die amerikanische Regierung ihren Gläubigern ganze 1,61 Prozent zahlen müssen. Noch stärker stieg der Zins für spanische und italienische Papiere. Viele Investoren waren bei ihrer Jagd nach Rendite auf diese riskanteren Anleihen ausgewichen; nun nehmen sie Gewinne mit.

Wie unter einem Brennglas ist die Wende auf den Finanzmärkten in den Schwellenländern zu beobachten. Noch ist es keine Panik, doch die Angst ist an den Börsen von Mumbai, Johannesburg, Bangkok und São Paulo täglich zu spüren. Die Anleger zittern vor dem, was Bernanke demnächst beschließen könnte. Seit Wochen kennen die Aktienmärkte in den Schwellenstaaten nur eine Richtung: nach unten.

Auch aus Fonds mit dem Fokus Schwellenstaaten fließt derzeit so viel Geld ab wie seit Jahren nicht. Die Bereitschaft der Investoren, ihr Geld in der ehemaligen Dritten Welt zu riskieren, sinkt. Zugleich erscheint die weltweit größte Volkswirtschaft wieder attraktiver: Die amerikanische Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit - derzeit bei 7,6 Prozent - soll nach der jüngsten Prognose der Fed schneller sinken, als bisher erwartet. Ungeachtet des jüngsten Ausverkaufs macht dies amerikanische Vermögenswerte und den Dollar als Anlagewährung verlockender. Der Dollar-Index des Wall Street Journal stieg am Donnerstag um 0,68 Prozent, die Kurse von Euro, Pfund und Franken gingen zurück.

Die Kapitalanleger prüfen derzeit eine Neubewertung der Grundlagen: "Sind es tatsächlich noch die Schwellenländer, von denen die maßgeblichen Wachstumsimpulse ausgehen? Oder sind die USA nun wieder stark genug, um den Platz der globalen Wachstumslokomotive einzunehmen?", fragt Analystin Claudia Windt von der Landesbank Hessen-Thüringen.

David Rolley von der amerikanischen Finanzfirma Loomis, Sayles & Co. Drückt sich so aus: "Man hatte bislang viele Investment-Touristen in den Schwellenstaaten. Doch diese Leute haben jetzt den Eindruck, dass ihre Visa auslaufen, und deshalb gehen sie raus." Das heißt, vor allem kurzfristig orientierte Anleger ziehen sich zurück, die auch unter der Währungsschwäche in den betreffenden Staaten leiden. Sie merken, dass ihr Portfolio von Anlagen in indischen Rupien oder südafrikanischem Rand gegenüber dem Dollar erheblich an Wert verloren hat.

Jetzt geht es um die Frage, ob die amerikanische Wirtschaft stark genug ist, um höhere Zinsen auszuhalten. Antworten auf die Frage wird es bald geben: Die Kosten von Hypothekenkrediten steigen, freilich von einem sehr niedrigen Basis aus, Das könnte den Immobilienmarkt belasten. Auch für Unternehmen wird die Finanzierung über den Kapitalmarkt teurer. Zugleich schwächelt das Wachstumsland China. Die Nervosität an den Märkten wird also anhalten.

Linktipp: Wie schlimm ist die Lage für Chinas Banken? Reuters Breakingviews analysiert: "The central bank's intentions remain murky. Despite the absence of clear rules, most investors believe lenders can't fail, and that bank deposits are all backstopped by the state. Savers are thus happy to leave their money in the bank, where it has helped fuel China's rapid economic growth. China's banks have lent over $1.5 trillion to local governments via funding vehicles, assuming - though it was never said out loud - that the authorities would help if the loans went bad."