Von Karl-Heinz Büschemann

Spekulanten balgen sich um die letzten Aktien des Autoherstellers, nachdem Porsche die komplette Übernahme angekündigt hat.

Der Kurs der Volkswagen-Aktie hat am Montag erneut verrückt gespielt: Das Papier des Autoherstellers schoss um zeitweise 201 Prozent nach oben, auf 635 Euro. Porsche hatte zuvor bekannt gegeben, dass es sich den größten Teil der noch freien VW-Aktien gesichert hat. Damit geraten Spekulanten in Not, die mit geliehenen Aktien auf einen Sturz der VW-Aktie gewettet hatten. Diese balgen sich nun um die wenigen verfügbaren Aktien.

Porsche macht es möglich: VW steigt um 200 Prozent (© Foto: ddp)

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Noch nie zuvor gab es bei einem Wert des Deutschen Aktienindex Dax einen derart steilen Anstieg des Kurses. Bereits in den vergangenen Tagen war die VW-Aktie immer just an jenen Börsentagen kräftig gestiegen, an denen alle anderen Aktien des Dax eingebrochen waren.

VW rettet den Dax

Auch am Montag rauschten die übrigen 29 Dax-Werte in den Keller, vor allem Bank-Aktien stürzten um bis zu zwanzig Prozent ab; am Vormittag lag der Dax rund fünf Prozent im Minus bei nur noch gut 4000 Punkten. Ohne den kräftigen Kursanstieg der VW-Aktie wäre der Dax um weitere 300 Punkte abgestürzt. Das Papiere von Volkswagen macht 13 Prozent des Werts des deutschen Börsenbarometers aus.

Porsche hatte zuvor am Wochenende mitgeteilt hatte, bei VW die völlige Beherrschung anzustreben, eine Beteiligung von 75 Prozent. Am freien Markt seien nur 5,9 Prozent der VW-Aktien frei verfügbar.

Der Rest ist entweder bereits im Besitz im Porsche oder dem Land Niedersachsen, dem anderen großen VW-Aktionär. Oder aber Porsche hat auf diese Aktien Optionen erworben. Dies setzte am Montag all jene unter Druck, die mit VW-Aktien spekuliert hatten.

Offenbar deckten sich Banken und Hedge-Fonds mit VW-Papieren ein, die sie sich anderswo geliehen und anschließend verkauft hatten; diese sogenannten Leerverkäufer müssen sich nun am Markt eindecken und können kaum Aktien bekommen. Dies trieb den Kurs in die Höhe.

Einige Finanzinstitutionen hatten trotz der geplanten Übernahme des Autokonzerns auf fallende VW-Kurse gesetzt und sich damit so verhoben, dass sie zusammenzubrechen drohen. Diese Geschäfts seien jetzt zu Ende, heißt es bei Porsche. Das Unternehmen wollte mit der Ankündigung, die Herrschaft bei VW noch 2009 zu übernehmen, diesen Instituten die Gelegenheit geben, ihre Position"in Ruhe und ohne größeres Risiko aufzulösen".

Porsche hat im September 2005 den Einstieg bei VW begonnen und hält inzwischen 42,6 Prozent. Für das kommende Jahr ist das Überschreiten der Marke Grenze von 75 Prozent vorgesehen.

Die dafür nötigen Aktien hat Porsche noch nicht, verfügt aber über Optionen zum Kauf von Aktien in Höhe von 31,5 Prozent. Lange sah es so aus, als käme der kleine Sportwagenbauer bei Europas größtem Autokonzern nicht weiter. Ferdinand Piëch, der Aufsichtsratschef von VW,der selbst Miteigentümer von Porsche ist, hatte sich dem Machtstreben von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking bei VW jedoch entgegengestellt.

Am vorvergangenen Wochenende wurde jedoch die Wende eingeleitet, das Zusammengehen von Porsche und Volkswagen wurde wieder wahrscheinlicher. Ferdinand Piëch gab nach einem Familientreffen der Porsche-Gesellschafter zunächst bekannt, er stehe zu dem Einstieg von Porsche, er habe auch nichts gegen eine Beherrschung durch Porsche. Am vergangenen Freitag erklärte auch die Familie, Ferdinand Piëch sei auf ihren Kurs eingeschwenkt. "Die Familien stehen geschlossen hinter allen Entscheidungen, die gemeinsam getroffen werden."

Derweil formiert sich in Wolfsburg der Widerstand gegen Porsche. "Einige Herren müssen aufpassen, dass ihr Traum nicht zum Albtraum wird", erklärt der VW-Konzernbetriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh mit Blick auf das Porsche-Management. "Wir lehnen es strikt ab, dass Porsche einen Gewinnabführungs- und Beherrschungsvertrag mit VW schließt. " Es wäre für die 360.000 Mitarbeiter des Konzerns "eine Katastrophe, wenn Manager, die Arbeitnehmerrechte mit Füßen treten in diesem Unternehmen das Sagen bekämen."

Porsche-Chef Wiedeking ist in den Augen des VW-Betriebsrates dafür verantwortlich, dass die Rechte der VW-Belegschaft in der neuen Porsche-Obergesellschaft, die Volkswagen offiziell übernimmt, nicht ausreichend berücksichtigt. Bei Porsche heißt es dazu: "Wir haben der Belegschaft alle geforderten Konzessionen gemacht."

Die Belegschaft von VW hofft weiter auf die Hilfe des VW-Gesetzes. Es stellt sicher, dass ein Beherrschungsvertrag nur mit 80 Prozent der Stimmen der Aktionäre möglich ist. Da Niedersachsen aber 20,1 Prozent der VW-Anteile hält, wäre ein solcher Vertrag unmöglich, solange dieses Gesetz besteht. Die EU-Kommission in Brüssel hat jedoch angekündigt, beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen das VW-Gesetz zu erheben.

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(SZ vom 28.10.2008/hgn)