Blessing-Nachfolge Commerzbank setzt auf Kontinuität

Ein "Vollblutbanker": Martin Zielke wird neuer CEO der Commerzbank.

(Foto: AFP)
  • Privatkundenchef Martin Zielke wird am 1. Mai den Vorstandsvorsitz der Commerzbank übernehmen.
  • Der derzeitigen Strategiechefin Bettina Orlopp wird ein Vorstandsmandat in Aussicht gestellt. Sie soll nach ein bis zwei Jahren als erste Frau in den Vorstand nachrücken und die Bereiche Personal und Compliance übernehmen.
Von Andrea Rexer und Meike Schreiber

Er trägt Manschettenknöpfe mit dem Commerzbank-Logo. Er wohnt im hessischen Bruchköbel und zählt Modelleisenbahnbauen zu seinen Hobbys. Eines kann man dem künftigen Commerzbank-Vorstandschef sicher nicht vorwerfen: dass er die Bodenhaftung verloren hätte. Vom 1. Mai an wird Martin Zielke den Vorstandsvorsitz der Commerzbank übernehmen. Die Erwartung an ihn: Alles soll bleiben, wie es ist, nur noch ein Quäntchen besser.

Ein interner Kandidat steht für Kontinuität

Fast ein halbes Jahr hatte die Bank mit der Frage gerungen, wer Martin Blessing als Vorstandschef nachfolgen sollte. Der hatte kurzerhand am 1. November hingeworfen und die von Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller angebotene Vertragsverlängerung ausgeschlagen - eine klare Retourkutsche Blessings. Er hatte sich daran gestoßen, dass Müller in der Krisenphase der Bank nicht immer hinter ihm gestanden hatte. Nach der Absage Blessings stand Müller ungedeckt da. Hektik brach los: Ein externer Kandidat wurde gesucht, am besten eine Frau - doch am Ende lief alles auf den Privatkundenvorstand zu. Er ist ein enger Vertrauter von Blessing, beide kennen sich seit Langem. Es ist kein Geheimnis, dass die beiden innerhalb des Vorstands das engste Verhältnis hatten.

Die interne Lösung ist ganz klar die bequemste für Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller und für den scheidenden Vorstandschef Blessing. Ein interner Kandidat steht ganz klar für Kontinuität, er kann das bisherige Management nicht kritisieren, er wird keinen Strategieschwenk einleiten. Zielke wird weder davon abrücken, das noch immer dichte Filialnetz der Commerzbank zu stutzen noch weiter Stellen zu streichen. Mit 45 000 Mitarbeitern wirkt die Bank allerdings immer noch überdimensioniert. Auch ihre Effizienzziele hat sie verfehlt.

Bloß keinen Wirbel verursachen: Die Commerzbank hat sich für eine interne Nachfolgelösung entschieden.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Ein Kandidat, der von einer anderen Bank zur Commerzbank gestoßen wäre, hätte womöglich ordentlich aufgeräumt, alles über den Haufen geworfen, hätte Filialen geschlossen, Stellen gestrichen oder großen Investitionsbedarf mit Blick auf die IT entdeckt. Das jedoch hätte auch auf Müllers und Blessings Leistung einen Schatten geworfen. Auch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat wollten einen Stellenabbau verhindern, weswegen sie sich früh für einen internen Kandidaten ausgesprochen haben.

Die nächste Personalie steht auch bald an. Aufsichtsratschef Müller, 71, geht spätestens 2018

Zielke muss nun das Kunststück gelingen, die Kostenstruktur der Commerzbank zu verbessern, ohne einen großen Personalabbau oder eine neue Strategie zu verkünden. Denn im Vergleich zu Konkurrenten hat die Bank hier klar Nachholbedarf. Und auch das 2012 ausgerufene Ziel einer Eigenkapitalrendite von zehn Prozent wurde mit 8,1 Prozent zuletzt nicht erreicht.

Und noch ein wichtiges Ziel musste Müller mit der Umbesetzung des Vorstands erreichen: Endlich musste eine Frau ins Gremium aufrücken. Nun schickte der Aufsichtsrat Strategiechefin Bettina Orlopp ins Rennen - ihr wurde ein Vorstandsmandat in Aussicht gestellt. Die derzeitige Strategiechefin soll nach ein bis zwei Jahren in den Vorstand nachrücken und die Bereiche Personal und Compliance übernehmen. Die Wartefrist wird notwendig, damit Orlopp die Zulassung der Finanzaufsicht Bafin erwerben kann. Um die Rochade möglich zu machen, muss Finanzvorstand Stephan Engels die Verantwortung für Rechtsfragen und Organisationsvorstand Frank Annuscheit die Verantwortung für Personal abgeben.

Bettina Orlopp, 45, steigt von der Strategiechefin zur Personalvorständin auf. Martin Zielke, 53, kam 2002 kam er zur Commerzbank, zunächst als Finanzvorstand.

(Foto: oh)

In Frankfurter Finanzkreisen wertete man die Personalie als "Winkelzug" oder gar als "Feigenblatt" - ohne Orlopp die Kompetenz abzusprechen. Sie genießt allseits einen exzellenten Ruf. Orlopp war 2014 von der Strategieberatung McKinsey zur Commerzbank gekommen. Sie ist unter anderem für Commerz-Ventures zuständig, jene Abteilung der Bank, die in Finanz-Start-ups, sogenannte Fintechs, investiert. Unelegant an dieser Lösung ist jedoch, dass zur Nominierung einer Frau der Vorstand erweitert werden muss. Denn die Commerzbank hatte erst 2013 den Vorstand von neun auf sieben Mitglieder verkleinert, um nach außen zu zeigen, dass die Bank bereit ist, auch an der Spitze zu sparen und nicht nur in den unteren Rängen Personal abzubauen. Der Rechtsstreit mit dem damals scheidenden Personalvorstand Ulrich Sieber dauerte mehrere Jahre.

Der neue Vorstandschef sei ein "Vollblutbanker"

Einfacher wäre es da freilich gewesen, die frei werdende Stelle des Privatkundenchefs mit einer Frau nachzubesetzen. Doch Martin Zielke hatte einen klaren männlichen Favoriten für seine Nachfolge aufgebaut: Michael Mandel. Der Bereichsvorstand ist seit Jahren die rechte Hand Zielkes und trat auch immer wieder öffentlich auf. Er soll nun das Privatkundensegment übernehmen.

In einem Interview mit Klaus-Peter Müller, das im Intranet der Bank verbreitet wurde, zeigt sich der Aufsichtsratschef - wenig überraschend - voll des Lobes für den neuen Vorstandschef. Der sei ein "Vollblutbanker" und habe das Privatkundengeschäft "auf einen neuen, erfolgreichen Weg gebracht". In der Tat ist es Zielke gelungen, im entscheidenden Jahr eine steile Kurve nach oben vorzuweisen. 2015 legte der Gewinn in seinem Bereich um zwei Drittel zu und betrug zuletzt 751 Millionen Euro.

Das ist Pech für Markus Beumer, den Chef der Mittelstandsbank. Er galt als Zielkes Konkurrent und hatte in den vergangenen Jahren kontinuierlich Erfolge vorgewiesen - allerdings im vergangenen Jahr leicht an Zuwachs verloren. Beumer, so heißt es in Finanzkreisen, werde dem Institut trotzdem treu bleiben. Er und Zielke sind seit Langem Kollegen, Beumer wolle Zielke stützen. Dennoch ist Beumer auch für andere Vorstandsposten im Gespräch - so wird er beispielsweise für den Chefposten der Nord LB gehandelt.

Die nächste Personalie, um die sich Klaus-Peter Müller kümmern wird, kündigte er in dem Interview gleich selbst an: "Die Suche nach einem Nachfolger für den Aufsichtsrats-Vorsitz ist für mich nun die vordringliche Aufgabe." Sein Vertrag läuft 2018 aus, doch sehr wahrscheinlich kommt der Neue schon früher.