Bizarrer Handelsstreit Inselstaat droht USA mit Piraten-Seite

Bald auch ein Paradies für Filesharer? Strand von Antigua in der Karibik

(Foto: iStockphoto)

Hollywood-Filme und Musikhits fast umsonst und ganz legal: Der Karibikstaat Antigua und Barbuda könnte bald ein amtliches Downloadportal online stellen. Die Welthandelsorganisation hat entschieden, dass das Land die Rechte von Studios und Labels aus den USA plündern darf. Doch wahrscheinlich will der Inselstaat etwas ganz anderes.

Hollywood-Kracher, die neusten Pophits, E-Books, einfach alles bequem und enorm günstig zum Herunterladen, und auch noch vollkommen legal - das könnte der kleine Karibikstaat Antigua und Barbuda bald anbieten. Ein ungewöhnlicher Handelsstreit zwischen dem 90.000-Einwohner-Staat und den USA könnte dazu führen, dass die beiden Inseln östlich der Dominikanischen Republik und Puerto Rico bald mit offizieller Genehmigung der Welthandelsorganisation WTO eine Piraten-Seite unterhalten, auf der sie das geistige Eigentum von US-Firmen feilbieten.

Das ist der Höhepunkt eines jahreslangen Streits, der sich eigentlich um etwas ganz anderes dreht: Online-Casinos. Schon in den 1990er Jahren eröffneten zahlreiche virtuelle Zockerbuden in Antigua. Die USA gingen gegen die Portale vor und verboten ihren Bürgern, auf den karibischen Casinoseiten zu spielen.

So hätten die USA die Wirtschaft des Zwergstaates "verwüstet", beklagt sich Antiguas Finanzminister Harold Lovell in einem offiziellen Statement. Tausende gut bezahlter Arbeitsplätze seien verloren gegangen, der Schaden gehe in die Milliarden.

2003 legte der Inselstaat Beschwerde bei der WTO ein, die den Fall vier Jahre später dann auch zu dessen Gunsten entschied. Seither verhandeln die beiden Länder über Schadenersatzforderungen von Antigua.

Normalerweise spricht die WTO einem geschädigten Land zu, den Schaden wiedergutzumachen, indem es Strafzölle gegen eine andere Branche des gegnerischen Landes erhebt. Nur lohnt sich das für Antigua nicht, der wegen seiner geringen Einwohnerzahl kaum Waren importiert. Somit handelte die Regierung aus, dass das Land "geistiges Eigentum" von US-Firmen umsonst nutzen darf, um den Schaden zu begleichen - und zwar im Gegenwert von 21 Millionen Dollar jährlich, wie die WTO diese Woche festgelegt hat. Antigua darf jetzt beispielsweise Flatrates für ein Downloadportal in dieser Gesamthöhe verkaufen.

Nun spielt Antigua mit der US-Regierung. Das Land selbst betont, dass es sich selbstverständlich im rechtlichen Rahmen bewegen werde. Doch auch die New York Times spielt die Möglichkeit durch, dass der Inselstaat eine Streaming-Seite einrichten könnte, auf der User für ganz wenig Geld Filme anschauen könnten, für die die US-Copyright-Inhaber sonst mehr Nutzungsentgelt haben wollen. Die USA könnten dagegen wohl nicht vorgehen, schreibt die Zeitung. Und die Filesharing-Szene, die urheberrechtlich geschütztes Material illegal oder in der rechtlichen Grauzone tauscht, freut sich schon auf eine amtliche, "von der WTO genehmigte Warez-Seite", schreibt das Portal Torrentfreak.

Offiziell gibt sich die US-Regierung entspannt. "Antigua würde damit nur seinen eigenen Interessen schaden", sagte ein Sprecher. "Von der Regierung erlaubte Piraterie würde die Chancen auf eine Einigung verschlechtern."

Die New York Times erklärt Antiguas Taktik so: Die öffentliche Drohung soll in erster Linie amerikanische Filmemacher und andere Künstler provozieren, damit diese Druck auf den Kongress machen - um das Casino-Verbot zu kippen.

In der Tat sollten Film-Fans nicht zu optimistisch sein. Zwar sagte Antiguas Finanzminister Lovell, man sei "frustriert", weil es bei den Verhandlungen mit den USA keine Fortschritte gebe. Aber ein Anwalt, der Antigua vertritt, versicherte dem US-Radiosender NPR, dass das Land eigentlich gar keinen solchen Dienst aufbauen wolle. Lieber wolle man erreichen, dass die Online-Casinos wieder ungestört arbeiten könnten. Oder dass die USA helfen, eine andere Industrie in dem kleinen Land zu entwickeln.