SZ: Können Manager und Politiker nach der Krise noch als Vorbilder gelten?

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Marx: Menschen, die Vorbild sein wollen, zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie zu ihren Fehlern stehen.

SZ: Haben Sie Einsicht erkannt?

Marx: Mir ist da nicht viel aufgefallen. Manche haben vielleicht eingeräumt, Fehler gemacht zu haben, aber nicht so klar, dass es zu offenen Diskussionen gekommen wäre. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs galt der von staatlichen Regelungen befreite Markt als modern: Alles, was privat organisiert wird, was dem Markt überlassen wird, ist besser. Aber das ist doch nicht wahr. Das stimmt doch nicht. Da vermisse ich schon eine Umkehr, in der Wissenschaft wie in den Chefetagen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Vertreter der Wirtschaft bescheidener werden und einräumen, Fehler gemacht zu haben. Die Krise als eine Art Betriebsunfall abzutun, ist viel zu schwach.

SZ: Wie sollen einzelne Manager sich gegen die Globalisierung stemmen?

Marx: Die Globalisierung ist kein naturgegebener Prozess, dem wir uns anpassen. Es ist umgekehrt. Wir müssen die Globalisierung so gestalten, dass sie dem Menschen und seinen langfristigen Zielen angepasst ist. Wenn man es anders herum sieht, hat man doch jeden Gestaltungswillen abgegeben.

SZ: Was schlagen Sie vor?

Marx: Wir haben in Europa jetzt die Chance, noch einmal Einfluss zu nehmen und unsere Grundvorstellungen in die Architektur einer Weltordnung einzutragen. Zum Beispiel in Davos. Diese Chance haben wir vielleicht in 30 Jahren nicht mehr. Wir müssen die Amerikaner erinnern, dass wir eine gemeinsame Zivilisation haben. Mir macht Sorge, dass aus der Gruppe der 20 Industrieländer, den G 20, eine Art G 2 wird, in der nur noch Amerika und China die Weltordnung ausmachen. Das haben wir ja bei der Klimakonferenz in Kopenhagen bereits erlebt. Das wäre für die Welt nicht gut.

SZ: Haiti wird ein großes Thema in Davos sein. Die Spendenbereitschaft der Menschen ist überwältigend. Ist die Welt nicht doch in Ordnung?

Marx: Bei solchen Katastrophen wie in Haiti wird ein spontanes Empfinden der Menschen für Solidarität deutlich. Das freut mich. Aber das allein wird nicht reichen. Es gibt viele Länder, die nicht wegen einer Naturkatastrophe im Vordergrund stehen, zum Beispiel in Afrika. Wie in Haiti brauchen wir dort eine ganz langfristige Bereitschaft zur Hilfe. Da ist die Welt überhaupt nicht in Ordnung. In vielen Ländern fehlt es an einem geordneten Gemeinwesen wie einem Rechtsstaat mit Menschenrechten. Dazu gehört auch eine soziale Marktwirtschaft, die in unterschiedlichen Kulturen verschieden aussehen kann. Aber ohne die Grundprinzipien wird es nicht gehen. Das ist eine sehr langfristige Aufgabe.

SZ: Sind Sie selbst auch Manager?

Marx: Ich empfinde mich nicht als Manager. Aber ich möchte in aller Bescheidenheit einen Hinweis geben: Es gab Bischöfe schon lange, bevor es Manager gab. Wir stehen da in einer anderen Tradition, und wir verstehen auch etwas von Führung. In der Kirche gibt es Führungsaufgaben, das wird schon in den Evangelien klar. Aber ich lerne auch von Managern, so wie Manager von der Kirche lernen können.

SZ: Auch die Kirchen müssen sparen. Wie geht ein Erzbischof mit Kostendruck um?

Marx: Wir gehen mit Kosten so um, dass eines klar ist: Wir wollen keine Schulden aufnehmen. Wir müssen doch in Jahrhunderten denken. Wir können nicht einfach in Insolvenz gehen.

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  2. Sie lesen jetzt "Ich vermisse eine Umkehr"
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(SZ vom 27.01.2010/mel)