Billige Arbeit Amazon, das sind wir

Mitarbeiter bei Amazon. Wo die Ware des Versandhändlers herkommt, unter welchen Bedingungen sie gefertigt, verpackt und geliefert wird, ist den meisten Kunden egal.

(Foto: Bloomberg)

Schon mal mit einem Mitarbeiter von Amazon gesprochen? Nein? Genau das ist das Problem. Wer sich nie mit den Leuten eines Unternehmens unterhalten kann, der bekommt auch nie ihren Frust über oder die Freude an der Arbeit spüren.

Ein Kommentar von Sibylle Haas

Wie lange wird der Zorn auf Amazon anhalten? Einen Tag? Zwei Tage? Vielleicht drei? Eine Fernsehreportage über die miserablen Arbeitsbedingungen in den deutschen Logistikzentren des Onlinehändlers hat eine wahre Wut entfacht. Doch vermutlich wird sich die Aufregung sehr schnell wieder legen, werden die Kunden morgen schon wieder den Bestseller bei Amazon ordern oder den Laptop zum Schnäppchenpreis.

Die Menschen neigen nun mal dazu, es sich bequem zu machen, auch beim Einkaufen. Nicht viel nachdenken, auf den Preis schauen, auf den Bestellknopf drücken - fertig. Wo die Ware herkommt, unter welchen Bedingungen sie gefertigt, verpackt und geliefert wird, ist den meisten Kunden egal. Was zählt, ist der eigene Nutzen. Und der definiert sich in der Geiz-ist-geil-Welt eben über den Preis: möglichst billig.

Arbeitskraft wird schnell zu einem Wegwerfposten

Sehr treffend überschreibt das Kölner Institut für Handelsforschung eine kürzlich veröffentlichte Studie mit dem Satz "Die Kunden haben entschieden: Amazon ist Deutschlands Top Online-Shop 2013". Amazon, das sind also wir. So wie wir Lidl, Zara, Kik und all die anderen Händler sind, die Ware zu Niedrigpreisen anbieten. Wir wollen das so, sonst hätten diese Firmen am Markt keine Chance. Wer ein T-Shirt für 3,95 Euro kauft, muss wissen, dass es nicht unter anständigen Bedingungen entstanden sein kann. Und wo Produkte zur Ramschware werden, da wird eben auch die menschliche Arbeitskraft schnell zu einem Wegwerfposten.

Für die Näherinnen aus Bangladesch, Indonesien oder anderen Schwellenländern bedeutet das, dass ihre Löhne für das tägliche Leben nicht reichen. Kinderarbeit, menschenunwürdige Bedingungen in den Fabriken, erzwungene Überstunden, Schikanen, Gesundheitsschäden und Umweltverpestung - das alles ist der Preis, den andere für uns zahlen. Übrigens nicht nur für Billigwaren. Auch in Zulieferbetrieben, die für Premium-Marken wie Adidas oder Nike fertigen, sind die Arbeitsbedingungen oftmals schlecht. Der Technologiekonzern Apple geriet unlängst wegen der Arbeitsbedingungen bei seinen Zulieferern in China und auch wegen der schlechten Umweltstandards seiner Computer unter Beschuss. Mal ist es der Konkurrenzdruck, mal die Rendite, die Firmen ins billigere Ausland treibt.

Meldungen dieser Art gibt es immer wieder, ohne dass die Kunden merklich reagieren. Von Käuferstreik keine Spur. Doch zu einem guten Wettbewerb gehört die Macht der Verbraucher. Sie können etwas verbessern, indem sie verzichten. Leider geschieht das nur selten. Beim Lebensmittel-Discounter Lidl hat das erfreulicherweise gut funktioniert. Als der für seinen rüden Umgangston gescholten wurde und heftige Kritik wegen der Bespitzelung von Mitarbeitern einstecken musste, stellten ihn Politiker, Gewerkschafter und Verbraucher an den Pranger. Die Firma zog die Notbremse, erhöhte die Löhne, durchleuchtete die Führungsstruktur und informierte die Öffentlichkeit besser. Heute ist das Image des Discounters so gut wie noch nie.

Politischer Druck fehlt

Ob es bei Amazon auch so kommt? Wahrscheinlich nicht. Denn wer bei Lidl einkauft, kann mit den Leuten dort reden, kann ihren Frust über oder die Freude an der Arbeit spüren. Doch der Internethandel ist ein anonymes Ding. Die Mitarbeiter sind weit weg, verpacken die Waren auf dem flachen Land.

Es fehlt auch der politische Druck. Denn die Bürgermeister in den zumeist wirtschaftlich schwachen Regionen freuen sich, wenn einer wie Amazon in den Logistikzentren Arbeitsplätze schafft. Besser schlecht bezahlte Jobs als gar keine. Und dass Amazon zu Stoßzeiten wie etwa im Weihnachtsgeschäft Arbeitslose für wenige Wochen auf Probe beschäftigen darf, ohne sie zu bezahlen, das ist legal. Im Amtsdeutsch ist das eine betriebliche Trainingsmaßnahme. Der Staat zahlt weiter Arbeitslosengeld. Alles geregelt im Sozialgesetzbuch (SGB III). Die Politik hat noch andere Unarten hoffähig gemacht. Dazu gehört die Leiharbeit, die von der rot-grünen Bundesregierung ausgebaut wurde. Amazon nutzt das ausgiebig, ebenso wie den Einsatz von Aushilfen, die die Firma relativ kurzfristig wieder kündigen kann - geregelt im BGB.

Wenn aber Arbeiter aus Spanien oder Polen nahezu zwei Wochen ohne Ruhetage durcharbeiten, verstößt das gegen das deutsche Arbeitszeitgesetz. Die Arbeiter wehren sich nicht, weil sie das Geld brauchen und die deutschen Gesetze nicht kennen. Dann ist es wichtig, dass die bei Amazon festangestellten Mitarbeiter die Rechte einfordern. Im Amazon-Logistikzentrum in Graben bei Augsburg haben sie das in dieser Woche getan - und erstmals einen Betriebsrat gewählt.