Bill Gates im Interview "Den täglichen Tod nehmen wir nicht wahr"

Der frühere Microsoft-Chef Bill Gates

(Foto: AFP)
  • Bill Gates leitet mit seiner Frau Melinda eine der finanzkräftigsten Stiftungen der Welt.
  • Er beklagt, dass alles viel zu langsam vorangeht: "Für den Krieg sind wir bereit, da haben wir Divisionen. Aber was ist mit Seuchen?"
  • Gates plädiert für eine Weltregierung.
Von Michael Bauchmüller und Stefan Braun

Hunger, Malaria, Kindersterblichkeit, Aids - es gibt viel Not auf der Welt. Bill Gates, der wohl reichste Mann der Welt, hat sich viele Jahre hauptsächlich um seine Firma Microsoft gekümmert. Heute aber leitet er mit seiner Frau Melinda die finanzkräftigste Stiftung der Erde, um diese Not zu bekämpfen. Gut vier Milliarden US-Dollar setzt er jährlich ein, damit Medikamente, Impfstoffe und medizinische Schulungen besser werden.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung lobt Gates den Einsatz der Industriestaaten und beklagt zugleich, dass bis heute alles zu langsam vorangehe. "Für den Krieg sind wir bereit, da haben wir Divisionen", betont der Gründer der Software-Firma Microsoft. "Aber was ist mit Seuchen? Wie viele Ärzte haben wir dafür, wie viele Flugzeuge, Zelte, Wissenschaftler? Gäbe es so etwas wie eine Weltregierung, wären wir besser vorbereitet."

Bill Gates im Wortlaut

Lesen Sie das komplette Interview in der Mittwochsausgabe der Süddeutschen Zeitung oder in der Digitalen Ausgabe.

Traum von der Weltregierung

Gates weiß, wie schwer das umzusetzen wäre, trotzdem träumt er von einer Art weltweiten Regierung. "Wir haben globale Fragen, da wäre sie bitter nötig", betont der Multimilliardär. Der Kampf gegen den Klimawandel zeige das beispielhaft. Man könne sich darüber lustig machen, aber in Wahrheit sei es traurig gewesen, wie das UN-System bei der Klimakonferenz von Kopenhagen 2009 versagt habe. "Wir managen die Welt nicht hypereffizient", beklagt der Chef der Bill & Melinda Gates Foundation, die ein Kapital von etwa 40 Milliarden US-Dollar verwaltet. Zudem sei es absurd, so Gates weiter, dass die reichen Länder das Problem erzeugt hätten, aber von den Folgen bis heute am wenigsten beeinträchtigt würden. "Vor- und Nachteile sind einfach ungerecht verteilt", beklagt Gates.

Er erinnert allerdings auch daran, dass im Kampf gegen gefährliche Krankheiten und die weltweite Kindersterblichkeit inzwischen einiges erreicht worden sei. Nur werde das öffentlich kaum registriert. "Wir nehmen wahr, wenn ein Flugzeug abstürzt, ein Krieg tötet oder ein Tsunami seine zerstörerische Kraft entfaltet. Den täglichen Tod nehmen wir nicht wahr. Deshalb sind uns auch die enormen Fortschritte entgangen." Früher seien 13 Millionen Kinder gestorben, bevor sie ihren fünften Geburtstag feiern konnten. Heute sei die Zahl auf weniger als die Hälfte gesunken.

Selbsterkenntnis im Alter

Dass er selbst sich seit 2008 voll in die Arbeit der Stiftung gestürzt habe, sei sehr stark mit dem eigenen Erleben verbunden gewesen. Erst in den neunziger Jahren hätten er und seine Frau etwas über das Rotavirus und seine tödliche Gefahr für Kinder erfahren. "Wir wurden neugierig, wir lernten etwas über Malaria und stellten fest, dass es dazu fast keine Forschung gab. Da wurde klar, dass wir genau an der Stelle ansetzen wollten."

Der 59-jährige schildert in dem Gespräch auch, wie sich seine Sicht auf die Welt mit dem Älterwerden geändert habe. "Mit Mitte 20 war ich ein Single, voller Ehrgeiz, der keinen Urlaub brauchte und stolz war, dass er zwei Nächte am Stück durcharbeiten konnte; der kein Wochenende kannte und seine Mitarbeiter antrieb; der also vor allem an sich dachte." Mit 50 dagegen denke man darüber nach, wie man anderen helfen könne. "Du fragst dich, wie es anderen Mensch um dich herum geht. Du wirst ein sozialerer Mensch."

Auf einer Geberkonferenz in Berlin wurden am Dienstag gut 7,5 Milliarden Dollar gesammelt, die bis 2020 für den Kampf gegen Polio, Malaria und andere Krankheiten eingesetzt werden sollen. Deutschland sagte 600 Millionen zu, die Stiftung von Melinda und Bill Gates 1,5 Milliarden.