Bierfest-Veranstalter in Frankreich In Paris kostet die Wiesn-Mass 12,90 Euro

Mit Obazda, bayerischem Bier, Schweinshaxen und "Herzilein" unter dem Eiffelturm: Wie der gebürtige Frankfurter Ralf Schneider die Franzosen zum Oktoberfest bekehren will.

Von Leo Klimm

Zwanzig Jahre lebt Ralf Schneider schon in Paris, einer Stadt, die wenig Wünsche offenlässt. Nur eines konnte die Schöne an der Seine diesem gebürtigen Frankfurter nie bieten: ein zünftiges deutsches Bierfest. "Es kann doch nicht sein, dass es überall ein Oktoberfest gibt, in den USA, in Vietnam und sonstwo", sagt Schneider, "nur unser nächster Nachbar Frankreich hat keines!" Also sorgt er selbst für Abhilfe: Am Donnerstagabend hat Schneider, 52 Jahre, Unternehmensberater, den Businessanzug gegen die Lederhose eingetauscht - und sein Pariser Oktoberfest eröffnet.

In München ist die Wiesn gerade vorbei. In Paris beginnen für Schneider zehn Tage voller unternehmerischer Herausforderungen und interkultureller Pionierarbeit. Deutschland und Frankreich mögen Nachbarn sein, wirtschaftlich engste Partner - aber die Distanz zwischen Hofbräu und Haute Culture ist groß. Gerade deshalb will Schneider die Pariser zu bayerisch-bierseligem Schunkelwahn bekehren.

"Das Oktoberfest ist als Gastro-Event eine ganz andere Nummer"

Und damit richtig Geld verdienen. Schneider richtet seine fête de la bière 2017 zum dritten Mal aus, jetzt soll es profitabel werden, "jetzt muss was rüberwachsen". Es ist das größte unternehmerische Projekt seines Lebens, ein Finanzrisiko in Millionenhöhe. "Ich arbeite das ganze Jahr an fast nichts anderem mehr", sagt Schneider.

Er ist keiner, der sich leicht entmutigen lässt. Als er nach einer Banklehre das Abitur nachmachte, fiel er durch - wegen Französisch. Beim zweiten Versuch klappte es, und wie aus Trotz ging Schneider Mitte der Neunziger zum Studium nach Paris. Er blieb. Nur einmal zog er für ein paar Jahre zurück nach Frankfurt, um Coffeeshops zu betreiben. "Aber das Oktoberfest ist als Gastro-Event eine ganz andere Nummer."

Mit 1400 Gästen fasst Schneiders Zelt zwar weit weniger Menschen als ein Münchner Wiesnzelt. Es fand sich auch kein anderer Platz dafür als am unwirtlichen Nordrand von Paris, zwischen Ringautobahn und Messehallen. "Doch wenn man ins Zelt kommt, ist man plötzlich in Bayern", schwärmt Schneider. Er will kein schlechtes Imitat schaffen, wie es das vielleicht in Vietnam gibt, sondern ein gutes. Dafür treibt er maximalen Aufwand, lässt eine Paulaner-Festkutsche am Eiffelturm herumfahren und 20 000 Liter Flüssiggold aus München kommen. Sein Festwirt-Kompagnon Jochen Mörz karrt in zehn Lastern alle Delikatessen heran, die in der Pariser Gastronomie neue Maßstäbe setzen sollen: Obazda, Griebenschmalz, Schweinshaxe. Auf der Bühne macht eine Original-Wiesn-Band das Publikum mit "Herzilein" und Helene Fischer vertraut.

Hohe Preise können die Pariser ohnehin nicht schrecken

Natürlich stößt Schneider auf Hindernisse, nicht nur auf kulturelle. Da wären die Kosten. Allein das Zelt ist Schneider zufolge sechsmal so teuer wie in Bayern. Also muss er Eintritt verlangen, 20 Euro, und 12,90 Euro für die Mass. Da wären auch die Behörden, die erst keine Masskrüge, sondern nur Pappbecher genehmigen wollten.

Aber entscheidend ist: Das Fest kommt an. Hohe Preise können die Pariser ohnehin nicht schrecken. In den ersten beiden Jahren war die Stimmung rauschhaft. "Unter den Gästen sind einige Wiesn-Connaisseure", sagt Schneider. Erstaunlich viele kommen in Tracht. "Und für die Neulinge ist das Oktoberfest wie das Monster von Loch Ness - eine Legende, von der man wissen will, ob es sie auch in echt gibt." Die Legende spricht sich auch allmählich herum. Mit dem Richtig-Geldverdienen sieht es daher nicht schlecht aus dieses Jahr: 1200 Gäste braucht er dafür pro Abend, 2016 kamen durchschnittlich schon 1000.

Doch mit diesem Erfolg begnügt sich Schneider nicht. Wenn er in Paris fertig ist, zieht sein Tross weiter nach Marseille. "Ich will die Wiesn in Frankreichs Großstädten etablieren", sagt er. So geht Kommerz. So geht Kulturvermittlung.