Bezahlsystem Familienzoff

Illustration: Stefan Dimitrov

Lange haben die Banken um ihre gemeinsame Plattform fürs Bezahlen im Internet gerungen. Schon bald soll das ehrgeizige Projekt an den Start gehen.

Von Meike Schreiber, Frankfurt

Es ist das derzeit wichtigste gemeinsame Projekt der deutschen Bankenfamilie: Nicht mehr und nicht weniger als ein eigenes digitales Bezahlsystem wollen Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Privatbanken ins Leben rufen, also eine Plattform, über die Privatkunden ihre Onlinekäufe mittels des eigenen Girokontos bezahlen können. Damit - so die Hoffnung - wollen sie dem erfolgreichen US-Anbieter Paypal und anderen Tech-Firmen endlich Paroli bieten. Gegen deren Angebote für das Bezahlen im Internet hatten die Banken jahrelang an Boden verloren.

Nach fast zwei Jahren Vorarbeit - und viele sagen: mit reichlich Verspätung - soll das Projekt nun starten. Paydirekt heißt es, und in gut zwei Wochen beginnt die heiße Phase der Pilotversuche. Offizieller Start ist der 8. November, noch rechtzeitig vor dem Weihnachtsgeschäft. Zuletzt hatten sich auch die Sparkassen durchgerungen, bei Paydirekt mitzumachen. Jede der drei Bankengruppen soll etwa 25 Millionen Euro in die gemeinsame Gesellschaft investiert haben.

Doch wie in jeder Familie gibt es auch bei diesem Projekt viel Streit und Missgunst im Hintergrund. Denn obwohl die Banken die Projektgesellschaft vor Monaten gemeinsam gegründete haben und sie nun auch Seit' an Seit' vermarkten wollen, hat das Wettrennen um die Kunden bereits begonnen. Denn vorerst kann jeder Kunde nur ein einziges Girokonto für die Benutzung von Paydirekt freischalten; beim Bezahlen erscheint dann das Logo seiner Hausbank, der Sparkasse Hochschwarzwald, der Volksbank Bühl oder der Deutschen Bank etwa. Und nur diese eine Bank verdient dann Geld an der Nutzung.

Das Kartellamt verfolgt die Pläne der Banken mit großer Aufmerksamkeit

Zumindest für das Kartellamt ist das zwar ein wichtiges Signal, denn die Wettbewerbshüter beobachten das gemeinsame Vorhaben der Banken genau. Es zeigt aber auch, wie schwierig solche branchenweiten Gemeinschaftsunternehmen sein können. Dass die Vorarbeiten so lange gedauert haben, liegt auch daran, dass sich die Beteiligten über viele Details lange nicht einig waren. "Da ist weiterhin viel Spannung in dem Projekt", sagte ein Banker, der nicht namentlich genannt werden wollte.

Vor allem die Volks- und Raiffeisenbanken sind - zum Erstaunen der Sparkassen und Privatbanken - schon vorgeprescht, nicht wenige bewerben das Angebot bereits selbstbewusst auf ihren Internetseiten. "Mit einem Klick zum Shopping-Glück", heißt es zum Beispiel auf der Seite der Volksbank Starnberg-Herrsching-Landsberg. Es folgt eine längere Erklärung des neuen Bezahlverfahrens.

Für Thomas Ullrich ist das eine erfreuliche Nachricht. Er ist im Vorstand der DZ Bank, dem genossenschaftlichen Dach-Institut, zuständig für das Projekt. "Paydirekt ist für die Volksbanken ein Eintrittsbillett, um sich noch mehr mit dem Thema Digital zu befassen. Wir sind selbst sehr überrascht, wie groß die Nachfrage bei den Volksbanken ist, dort ist das in der Regel Vorstandsangelegenheit, die geben richtig Gas", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Paydirekt hat daher derzeit höchste Priorität für die Häuser: "Das ist ein wichtiges Leuchtturmprojekt, das zeigt, dass wir Themen gemeinsam angehen können."

In einer internen Broschüre warnen die Genossenschaftsbanken daher dringend davor, sich von Paypal und Konsorten das Wasser abgraben zu lassen, denn diese würden zwar die Banken für den Zahlungsverkehr nutzen, beim Bezahlen selber habe der Kunde aber eine andere Marke vor Augen. "Obwohl jede Zahlung letztendlich über das Bankkonto des Kunden abgewickelt wird, gerät die Hausbank beim Bezahlen so zunehmend in den Hintergrund", heißt es in der Analyse. Jetzt gelte es daher, "das Bankgeschäft wieder vollständig in die eigene Hand" zu nehmen. Kein Wunder, schließlich wollen die Institute beim Online-Bezahlen bald auch andere Produkte anbieten, wie etwa eine Konsumentenfinanzierung oder eine Versicherung.

Das Henne-Ei-Problem ist groß. Kunden wie Händler müssen zeitgleich begeistert werden

Vor dem Erfolg von Paydirekt steht nun aber das Henne-Ei-Problem - und das ist gewaltig. Denn die Banken müssen zeitgleich Privatkunden und Händler für das Projekt gewinnen. Auch Paypal zum Beispiel hat das nicht über Nacht geschafft, sondern jahrelang gebraucht, um sich in Deutschland einen Marktanteil von 19,9 Prozent zu erobern. Heute liegen sie damit laut einer Studie des Kölner EHI Retail Institutes nur noch hinter dem Bezahlen per Rechnung (25,4 Prozent), aber noch vor der Lastschrift (19,3 Prozent).

Viele Händler jedoch schrecken erst einmal davor zurück, neue Zahlungssysteme einzurichten. Paydirekt will daher ab sofort die 200 umsatzstärksten Onlinehändler ansprechen und für sich gewinnen.

Laut Ulrich Binnebößel, Zahlungsverkehrsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE), ist dabei jedoch Eile geboten. Es sei wichtig, dass gerade am Anfang ausreichend Pilothändler teilnehmen würden. "Die Onlineshops nutzen verschiedene Systeme, daher muss das Verfahren für die verschiedenen Konfigurationen getestet werden", sagte er. Außerdem hält Binnebößel den Zeitplan für sehr ehrgeizig. "Spätestens nach den Herbstferien im Oktober führen die meisten Onlineshops keine technischen Änderungen mehr durch, um das wichtige Weihnachtsgeschäft nicht zu gefährden", so der Experte.

Zudem wird auch der Preis eine Rolle spielen. Mit Blick auf das Kartellamt darf Paydirekt hier jedoch keinesfalls mit abgestimmten Kampfkonditionen an den Markt gehen. "Die Konditionen vereinbart jede Volksbank individuell mit dem Händler", sagte DZ-Bank-Vorstand Ullrich.

Klar ist aber auch: Der Onlinehandel erwartet, dass Paydirekt günstiger ist als andere Bezahlverfahren. Laut der Studie des EHI Retail Institutes kostet Paypal Händler durchschnittlich 1,8 Prozent des Umsatzes. Das muss Paydirekt unterbieten. "Und natürlich soll die Plattform mittelfristig auch international an den Start gehen", sagte Ullrich - für viele Experten ist das ein Muss, schließlich sind die großen Händler längst auch grenzüberschreitend tätig.

Für die Kunden unterscheidet sich Paydirekt übrigens nur im Detail von Paypal - etwa dadurch, dass kein Zwischenkonto ins Spiel kommt. Schließlich handelt es sich um ein Lastschriftverfahren, das noch rückgängig gemacht werden kann, falls die Ware nicht ankommt. Außerdem kommt es erst zur Zahlung, wenn ausreichend Geld auf dem Konto ist, was wiederum den Händlern Sicherheit bringt. Voraussetzung ist nur ein Zugang zum Onlinebanking. Dann muss sich der Nutzer registrieren, indem er eine E-Mail-Adresse nennt und ein Passwort bestimmt.

Ob das genügend Kunden tun werden, ist naturgemäß offen. Nach all den Internet-Spionage-Skandalen dürfte bei vielen aber zumindest ins Gewicht fallen, dass es sich um ein deutsches System handelt.