Bessere Textilien Nähkreis

Näher in einer Fabrik im Slum Dharavi in Mumbai.

(Foto: Doreen Fiedler/dpa)

Textilindustrie und Handel wollen für bessere Arbeitsbedingungen sorgen. Ob es klappt? Kritiker fürchten folgenlose Debattierzirkel.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Glaubt man Gisela Burckhardt, dann ist dieser Mittwoch auch ein Tag der Wahrheit. In Berlin tritt der neue "Steuerungskreis" des deutschen Textilbündnisses zusammen, erstmals sind auch Textilindustrie und Handel dabei. "Da wird sich einiges zeigen", sagt Burckhardt, Chefin des Frauenrechte-Verbands Femnet - und ebenfalls Mitglied im Steuerungskreis. "Noch wissen wir ja gar nicht, wie sich die Großen da aufstellen."

Der Zirkel ist gewissermaßen der Nähkreis des neuen Textilbündnisses: Hier laufen alle Fäden zusammen. Das Bündnis, ins Leben gerufen von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), soll in den nächsten Jahren gemeinsame Standards für die Textilproduktion aufstellen, für Arbeitsbedingungen wie für den Umweltschutz. "Ziel des Bündnisses für nachhaltige Textilien ist es, die soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit entlang der gesamten Textilkette kontinuierlich zu verbessern", heißt es im Aktionsplan des Bündnisses. Wie solche Verbesserungen aussehen können, hecken Arbeitsgruppen aus, doch am Ende entscheidet der 12-köpfige Steuerungskreis, dem neben vier Vertretern von Handel und Industrie auch Ministerien, Entwicklungsgruppen und der Gewerkschaftsbund angehören - und zwar nach dem Konsensprinzip. So sollen Standards entstehen, die fernab Deutschlands irgendwann die Dinge verändern sollen; ein einmaliges Experiment.

Ob das gelingt? Zwei Arbeitsgruppen haben schon losgelegt, eine zu Löhnen, die andere zu Chemikalien in der Textilproduktion. Ihre Ergebnisse muss am Ende abermals der Steuerungskreis absegnen. Und er muss sich schon bald mit der Frage befassen, wer eigentlich kontrolliert, ob sich die Firmen tatsächlich an die Standards halten. "Letztendlich geht es immer um die Umsetzung vor Ort", sagt Bernhard Felmberg, der das Entwicklungsministerium im Steuerungskreis vertritt. "Nur dann machen wir Fortschritte." Schließlich bringen die schönsten Abmachungen nichts, wenn sie sich nicht irgendwie kontrollieren lassen.

Die Industrie aber sieht nach wie vor Probleme. "Wir wollen, dass die Textilproduktion besser wird, als sie ist, und zwar global", sagt etwa Uwe Mazura; er sitzt für die Textil- und Modeindustrie in dem neuen Gremium. "Leider haben deutsche Mittelständler keinen Einfluss auf die gesamte Wertschöpfungskette, sondern allenfalls auf ihren direkten Zulieferer." Verbesserungen müssten Stück für Stück erreicht werden. Neben der Modeindustrie ist auch der Handelsverband HDE, der Versandhändler Otto und der Hemdenhersteller Seidensticker vertreten - jedoch keiner jener Bündnispartner, die sich schon länger auf nachhaltige Produktion setzen.

Dafür ist die Industrie aber dabei. Erst im Sommer hatten sich große Hersteller und Handelsketten dem Bündnis angeschlossen - nachdem Vorgaben abgeschwächt worden waren. "Ohne die Marktmacht der Großen wäre es nur ein kleines, wenn auch feines Bündnis gewesen", sagt Ministeriums-Mann Felmberg, "jetzt aber haben wir die nötige Breite, um wirklich etwas zu erreichen." Zudem sei das Thema seit dem Elmauer G-7-Gipfel auch im Kreis der Industriestaaten angelangt - mit der Forderung nach mehr "Verantwortung in der Lieferkette". Im Herbst soll es dazu noch eine Konferenz geben.

Doch Kritiker fürchten, das Ganze könnte in folgenlose Debattierzirkel münden. "Faktisch gibt es keinen Fortschritt", sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin bei Greenpeace. "Die Lobbyverbände sind schließlich hinreichend stark vertreten." Ungeklärt ist auch, wie bindend gemeinsame Regeln am Ende sein sollen. "Das werden wir bei diesem Treffen klären müssen", sagt Maik Pflaum, der für die Christliche Initiative Romero im Steuerungskreis sitzt. "Wir brauchen verbindliche Ziele und verbindliche Zeitpläne", sagt er. "Sonst macht es keinen Sinn."