Von Uwe Ritzer

"Er packte mich mit beiden Händen um den Hals und drückte zu." Die Hamburger Konzernzentrale prüft, ob es bei Edeka Südbayern zu Übergriffen gegen Mitarbeiter gekommen ist. Mehrere Angestellte sollen bespitzelt worden sein.

Was ein Edeka-Mitarbeiter sachlich mit "Stellungnahme" überschrieben hat, liest sich wie das Protokoll eines langen Leidens am Arbeitsplatz. Detailliert beschrieb er Vorständen und Aufsichtsräten der Edeka-Genossenschaft, wie er von einem Vorgesetzten in der Südbayern-Zentrale des Handelskonzerns in Gaimersheim bei Ingolstadt drangsaliert worden sei.

"Er packte mich mit beiden Händen um den Hals und drückte zu." Ein Vorgesetzter soll bei Edeka einen Untergebenen angegriffen haben. (© Foto: dpa)

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"Ich bring dich um"

Er berichtete über obszöne Beschimpfungen, Drohungen und Einschüchterungen wie: "Ich bring Dich um". Immer wieder habe der Vorgesetzte Taschencomputer, Ordner oder Handys nach ihm geworfen. Als "Vorzeigebeispiel eines Aidskranken" habe er ihn bezeichnet und als drogensüchtig verleumdet.

Wegen all dem sei er krank geworden. Einmal sei ihm der Vorgesetzte sogar an die Gurgel gegangen. "Er packte mich mit beiden Händen um den Hals und drückte zu", schrieb der junge Mann in dem internen Papier.

Diese Vorwürfe sind Edeka seit gut zwei Jahren bekannt - die Stellungnahme des Mitarbeiters datiert vom Januar 2006. Geschehen ist offenbar nichts. Der Vorgang sei "in Klärung", heißt es bei Edeka-Süd. Der Vorgesetzte ist nach wie vor Führungskraft.

Er gilt als mit weitreichenden Befugnissen ausgestatteter, enger Vertrauter von Hans Georg Maier, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Edeka Südbayern.

In anderen Fällen geht der Konzern (2,3 Milliarden Euro Jahresumsatz, 1500 Verkaufsstellen, mehr als 9200 Mitarbeiter) weit weniger zimperlich mit Mitarbeitern um. Bei der in ihrem Einzugsbereich größten Einzelhandelskette braut sich eine Bespitzelungsaffäre zusammen.

E-Mails umgeleitet

Mit zweifelhaften und womöglich illegalen Methoden soll das Unternehmen Beschäftigte ausgekundschaftet haben. Das behaupten Betroffene. Neuerdings führt eine Spur zu Edeka-Süd-Chef Hans Georg Maier persönlich.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung erhob sein ehemaliger Geschäftsführerkollege Hans-Joachim M. bereits vor Monaten intern schwere Vorwürfe gegen Maier. Während er im Sommer 2007 in Urlaub gewesen sei, habe dieser angeordnet, alle an ihn und an seine Mitarbeiterin gerichteten E-Mails zu sich umzuleiten. Edeka bestätigte dies. M. sei wenige Tage zuvor als Geschäftsführer "freigestellt und abberufen" worden. Nach SZ-Informationen bezog M. sein Gehalt noch bis Ende 2007.

Keine Stellungnahme mochte Edeka zu einem weiteren Vorwurf des Ex-Geschäftsführers abgeben, wonach Maier vertrauliche Unterlagen von ihm dem Betriebsrat gegeben habe. Dies werde in einer Sonderprüfung geklärt, hieß es. Der Edeka-Verband und die Hamburger Edeka-Zentrale, die an allen sieben Regionalgesellschaften jeweils 50 Prozent der Anteile hält, haben Sonderprüfer nach Gaimersheim geschickt. Sie haben außer den beschriebenen Vorwürfen generell die Personalführung dort untersucht.

Edeka-Süd-Insider beklagen schon länger ein Klima aus Intrigen, Angst, Günstlingswirtschaft und rigorosem Umgang mit Maier-Kritikern. Einige Mitarbeiter haben ganz spezielle Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel der Lastwagenfahrer Alois Heindl (Name geändert). 18 Jahre bei Edeka, bespitzelten ihn im November 2007 Detektive im Auftrag seines Arbeitgebers in seiner Freizeit.

"Üble Stasi-Methoden"

Sie sollten herausfinden, ob Heindl trotz eines Fahrverbotes seinen Privatwagen steuerte. Die Detektive zeigten ihn deshalb sogar bei Polizei und Staatsanwaltschaft an. Ob auch dies im Edeka-Auftrag geschah, ließ die Firma offen. Während Heindls Anwalt Felix Wehner "üble Stasi-Methoden" anprangerte, sprach Edeka von einem "einmaligen Fall."

Das allerdings war falsch. Inzwischen räumte Edeka gegenüber der Süddeutschen Zeitung allein 2007 insgesamt 28 Detektiveinsätze ein, die zu "rechtlichen Konsequenzen" geführt hätten. Ob es weitere Einsätze ohne Folgen gab, ist unklar. Bespitzelt wurde zum Beispiel im Lager Betzigau im Allgäu.

Dort schleuste Edeka zwei Detektive als Praktikanten ein. Mit versteckter Kamera filmten sie Lagerarbeiter, um Diebstähle aufzuklären. Die ehemaligen Lagerarbeiter Meinrad Schöllhorn und Ursula Läufle geben an, die Filmaufnahmen seien dazu benutzt worden, um sie zu Eigenkündigungen zu drängen.

Ein Schluck Saft

Schöllhorn und Läufle, 38 und 17 Jahre bei Edeka beschäftigt, gaben zu, verbotenerweise Saft aus Bruchware getrunken zu haben. Das sind Lebensmittel, die beschädigt sind und deshalb nicht mehr ausgeliefert werden. Schöllhorn sagt, einer der Detektive habe sogar versucht, ihn zum Diebstahl anzustiften.

Die Gewerkschaft Verdi behauptet, einer der Detektive habe Mitarbeitern Fallen gestellt und der andere habe das Fehlverhalten heimlich gefilmt. Mehrere Arbeiter verloren ihre Arbeitsplätze. Edeka kündigte an, die Vorwürfe zu überprüfen. Die Detektei äußerte sich nicht.

Die Vorgänge werden auch am Samstag Thema sein, wenn in München die Generalversammlung der südbayerischen Edeka-Genossenschaft tagt. Bis dahin soll der Bericht der Sonderprüfer vorliegen. Hans Georg Maier, der bislang öffentlich schweigt, erwarten kritische Fragen.

Womöglich auch nach dem misslungenen Österreich-Abenteuer, bei dem die Edeka Südbayern nach Angaben einer Sprecherin knapp 200 Millionen Euro in den Sand gesetzt hat. Zuletzt zog sich die Edeka-Gruppe aus dem Ausland zurück, "aus strategischen Gründen", so die Sprecherin. 1998 war Edeka-Süd bei der österreichischen Handelskette Adeg eingestiegen. 2001 hielt man 75 Prozent der Anteile, der Adeg-Marktanteil lag bei 15 Prozent. Bis 2004 sank er auf 8,7 Prozent. Hans Georg Maier war bis zuletzt Aufsichtsratsvorsitzender der Adeg.

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(SZ vom 13.06.2008/jkr)