Bertelsmann-Tochter Arvato - unbekannt, langweilig, mächtig

Das Lösch-Team von Arvato in Berlin arbeitet zum Beispiel in der oberen Etage dieses Hauses in der Nähe des Flughafens Tegel.

(Foto: Hannes Jung)

Die Bertelsmann-Tochter Arvato löscht für Facebook problematische Beiträge. Über eine Firma, mit der jeder Deutsche im Schnitt mehrmals am Tag in Kontakt kommt.

Von Caspar Busse

Kaum jemand kennt diesen Namen: Arvato. Und trotzdem: Jeder Deutsche kommt im Durchschnitt mehrmals am Tag mit Produkten und Dienstleistungen des Unternehmens in Kontakt. Denn Arvato ist praktisch überall.

Die Firma ist nicht nur jener Dienstleister für Facebook, der problematische oder illegale Beiträge löscht. Sie liefert zum Beispiel auch Handys für Vodafone und Software für Microsoft aus, sie organisiert für Lufthansa das Miles & More-Programm und für Modefirmen deren Onlineshops. Sie betreibt Call-Center, kümmert sich um Abrechnungen und andere Dienstleistungen. 150 Millionen Verbraucher werden in 30 Sprachen betreut.

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Arvato gehört zu hundert Prozent zu Bertelsmann und ist einer der vielen Geschäftsbereiche des Medienkonzerns, sogar einer der wichtigsten. Fast 17 Milliarden Euro Jahresumsatz und 116 000 Mitarbeiter in rund 50 Ländern der Welt hat der gesamte Konzern. Fast 70 000 Menschen davon arbeiten bei Arvato, mehr als jeder zweite Bertelsmann-Beschäftigte, die 2016 einen Umsatz von 3,8 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Und die liefern einen operativen Gewinn von 360 Millionen Euro im Jahr ab.

Das Geschäftsmodell ist einfach: Für andere Unternehmen werden Dienstleistungen aller Art angeboten, Dinge, die andere nicht tun wollen oder die Arvato besser kann, und das weltweit und in fast allen Branchen. Und doch arbeitet das Unternehmen mit dem Kunstnamen, für das im Vorstand der gebürtige Spanier Fernando Carro zuständig ist, eher im Verborgenen. Es gilt oft als solide, aber langweilig.

Im glitzernden Mediengeschäft von Bertelsmann jedenfalls steht die Dienstleistungstochter Arvato aus Gütersloh keineswegs in der ersten Reihe. Dort ist das Fernsehunternehmen RTL Group aus Luxemburg zu finden, das europaweit 57 TV- und 31 Radiosender betreibt und der wichtigste Gewinnlieferant für Bertelsmann ist. Oder Gruner + Jahr: Das Hamburger Verlagshaus, das Magazine wie den Stern, Gala, Geo oder Capital herausbringt, kennt jeder, ist international aktiv. Oder die Musikfirma BMG, die Künstler wie Peter Fox, Iron Maiden, Robbie Williams oder Bruno Mars weltweit vertritt. Und nicht zuletzt Penguin Random House aus New York, der mit Abstand größte Buchverlag der Welt, der nicht nur viele Nobelpreisträger verlegt, sondern vor Kurzem auch Barack Obama und seiner Frau Michelle einen Buchvertrag über 65 Millionen Dollar gegeben hat.

Bei Arvato haben mehrere Bertelsmann-Konzernchefs angefangen

Vor allem damit ist Bertelsmann noch immer eines der größten Medienunternehmen in Europa, und es wird aus einer Stadt mit nur knapp 100 000 Einwohnern gesteuert, aus Gütersloh. Dahinter steht nach wie vor eine mächtige Frau. Die 75-jährige Liz Mohn, Witwe des Medienunternehmers Reinhard Mohn, ist noch immer die wichtigste Instanz im weltweiten Bertelsmann-Reich. Zusammen mit ihren Kindern Brigitte und Christoph Mohn herrscht sie über den Konzern und die Bertelsmann-Stiftung, die die Mehrheit der Firmenanteile hält.

Arvato ist noch aus einem anderen Grund für Bertelsmann wichtig: Bei der Firma, die 1999 aus der Drucksparte des Konzerns entstanden ist, haben viele im Konzern ihren Aufstieg begonnen, etwa die ehemaligen Konzernchefs Thomas Middelhoff, Gunter Thielen und Hartmut Ostrowski. Sie haben zuerst bei Arvato gearbeitet und dort auf sich aufmerksam gemacht. Auch Markus Dohle, der so erfolgreiche Chef des Buchverlags Penguin Random House, hat als gelernter Wirtschaftsingenieur zuerst bei der Dienstleistungstochter gearbeitet.

Sie alle kamen aus dem Dienstleistungsgeschäft, und sie alle hatten auch immer große Hoffnungen darauf gesetzt. Arvato sollte die Gewinne erwirtschaften, mit denen die Gütersloher die eigentlichen Mediengeschäfte großmachen, so lautete lange das Credo. Doch seit 2012 ist Thomas Rabe Konzernchef - und der setzte ganz andere Akzente.

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Rabe gliederte den Konzern in insgesamt acht Bereiche auf. Er sieht zum Beispiel große Chancen im Geschäft mit Bildung, er setzt auf Internationalisierung, auf die Musiksparte BMG und die New Yorker Buchtochter Penguin-Random House. Arvato ist für ihn zwar auch wichtig, aber eben nur ein Geschäft neben den eigentlichen Medienaktivitäten.