Bertelsmann-Stiftung zum Erzieher-Notstand Arbeitet doch einfach Vollzeit!

Die Bertelsmann-Stiftung hat die Erzieherinnen in Deutschland gezählt und kam zu dem wenig überraschenden Ergebnis: Es fehlen Fachkräfte. Neue Erzieher einstellen müsse man deshalb nicht. Die Stiftung hat da eine andere Idee.

Von Viktoria Großmann

In Deutschland fehlen noch 42.000 Fachkräfte und etwa 260.000 Betreuungsplätze, damit der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung im kommenden Jahr umgesetzt werden kann. So zählt es die Bertelsmann-Stiftung (die Studie finden Sie hier). Die Regierung sprach zuletzt von 14.000 Kindergärtnerinnen und 16.000 Tagesmüttern, die in der Kinderbetreuung fehlen. So häufig wie die Zahlen wechseln auch die Rezepte zur Beseitigung des Fachkräftemangels.

Die Stiftung aus Gütersloh zählte mal aus, wie viele der Erzieherinnen in Deutschland in Teilzeit arbeiten und kam auf 60 Prozent. Das sind doppelt so viele wie im Durchschnitt aller Branchen. Wenn nun all diese Frauen in Vollzeit arbeiten würden, dann gebe es das Problem Fachkräftemangel eigentlich fast nicht mehr, so das Ergebnis der Studie.

Für die Bertelsmann-Stiftung klingt das nach einer prima Lösung. Jedenfalls besser, als Schlecker-Mitarbeiterinnen umzuschulen und Personal aus dem Ausland zu holen.

So hatte Heinrich Alt, Vorstand der Bundesarbeitsagentur (BA), vergangene Woche angekündigt, 5000 Arbeitslose überreden zu wollen, eine Ausbildung zur Erzieher-Fachkraft zu machen. Die Länder sollten die BA dabei unterstützen. Die Ministerien wissen allerdings bis heute nichts davon. In Nordrhein-Westfalen, so hatte Alt in einem Interview hervorgehoben, werde das dritte Ausbildungsjahr vom Land finanziert. Doch auf Nachfrage ist man in Arbeits- und Familienministerium ratlos.

Zwei arbeitslose Frauen aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen, die sich nach der Umschulung erkundigt hatten, sagten Süddeutsche.de, dass sie keine oder widersprüchliche Auskünfte erhalten hätten. In keinem Fall jedoch Unterstützung in ihrem Wunsch, Erzieherin zu werden.

Die einzige Auskunft, die das Arbeitsministerium in Nordrhein-Westfalen mit Überzeugung verkündet, ist die, dass keinesfalls durch das Umschulungsprogramm die Qualität der Ausbildung leiden soll. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und verschiedene Träger von Kindergärten wie die Diakonie hatten erneut vor einer Schmalspur-Ausbildung gewarnt.

Davon kann allerdings keine Rede sein. Eine der beiden Frauen macht nun auf eigene Kosten eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten - in Thüringen Voraussetzung für die dreijährige Erzieherausbildung. In den zwei Jahren wird sie Schulstoff für die Mittlere Reife und Hausarbeiten lernen - dabei hat sie Abitur, ist Mutter eines Kindes und war zehn Jahre lang Abteilungsleiterin in einem Medienunternehmen. Erst wenn sie ihren Abschluss hat, wird das Arbeitsamt vielleicht ihre Erzieherausbildung fördern.

Die in Nordrhein-Westfalen arbeitslos gemeldete Frau ist gelernte Bankkauffrau und interessierte sich ebenfalls für den Erzieherberuf. Sie hörte hingegen von ihren Beratern: "Ja, wenn Sie ungelernt wären, wäre es einfacher." So aber müssen nun Abiturzeugnis und Arbeitszeugnisse der Frau geprüft werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Ausbildung machen darf, ist gering - sie hat ja schon eine.

Hinter der Idee, 5000 Menschen umschulen zu wollen, scheint also nicht viel Elan zu stecken. So gesehen könnte es für viele eine einfache Lösung sein, Erzieherinnen von Teilzeit- zu Vollzeitkräften zu machen. Aber es muss ja einen Grund für die Teilzeit geben. Liegt es daran, dass die Nachmittagsbetreuung weniger gefragt ist? Oder daran, dass viele Kindergärten noch immer nur halbtags geöffnet haben?

Woher das Teilzeitmodell kommt

Nein, das sei nicht der Grund, sagt Anette Stein von der Bertelsmann-Stiftung. Denn erstens seien die meisten Kindergärten heute Ganztageseinrichtungen, zweitens gebe es da die meiste Teilzeit, wo die längsten Betreuungszeiten angeboten würden: in den neuen Bundesländern. Dies habe historische Gründe, sagt Stein. Nach der Wende wurde viel Personal abgebaut. Damit nicht zu viele entlassen werden mussten, reduzierten die meisten Erzieherinnen von Vollzeit auf Teilzeit. So sei es bis heute geblieben.

Andererseits ist die Arbeit von Kindergärtnerinnen und Erzieherinnen sehr anstrengend und auch körperlich fordernd - und das ist die Krux im Vorschlag der Stiftung. Denn wenn nun mehr Frauen in Vollzeit arbeiten sollen, müsste zugleich der Personalschlüssel erhöht werden, so dass jede einzelne Kraft weniger belastet ist und einen Acht-Stunden-Tag durchhält.

Am 1. September beginnt das Berufsschuljahr, wenn die Arbeitsagentur bis dahin 5000 Ausbildungsplätze an Arbeitslose vergeben möchte, muss sie sich beeilen. Bis der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für jedes einjährige Kind in Kraft tritt, vergeht nur noch ein Jahr. Bis dahin wird das geforderte Personal ohnehin nicht zur Verfügung stehen. Also doch von Teilzeit auf Vollzeit? Oder Fachkräfte aus dem Ausland? Sicher scheint nur, dass in der Debatte noch einige Ideen kursieren werden.