Berliner verwirklicht Geschäftsidee Der Ameisenhändler

Königinnen der Disziplin: Ameisen faszinieren mit ihrem Fleiß und Organisationstalent.

(Foto: dpa)

Milliardenvolk: Zusammengenommen bringen Ameisen mehr Gewicht auf die Waage als die gesamte Weltbevölkerung. Martin Sebesta hat seine Faszination für die winzigen Krabbler zum Beruf gemacht. Die fleißigen Insekten sind Erfolgsprodukt - und Geschäftsvorbild.

Von Steffen Uhlmann

Wer sich seit mehr als 100 Millionen Jahren höchst erfolgreich durchs Leben schlägt und dafür perfekte Überlebensstrategien entwickelt hat, den könnte sich die über ihre Zukunft zerstrittene Menschheit getrost zum Vorbild nehmen. Zumal diese heimlichen Herrscher der Erde hervorragende Baumeister sind, über gigantische Körperkräfte verfügen und das Leben in einem Sozialstaat perfektioniert haben.

Doch von Vorbild kann überhaupt keine Rede sein. Ameisen haben, gerade hierzulande, eher einen schlechten Ruf. Nicht zuletzt bei Hausfrauen, die gleich zum Backpulver greifen, wenn ein Ameisenheer durch die gute Stube marschiert - in der Hoffnung, dass sie sich daran überfressen und ihre "Bäuche" dann regelrecht zerplatzen. "Das passiert auch und hilft dennoch nichts ", sagt Martin Sebesta. "Die Königin überlebt fast alle Gifte und legt weiter fleißig Eier - je nach Art bis zu 30.000 am Tag."

"Stundenlang habe ich mit der Lupe auf dem Rasen gelegen"

Sebesta weiß das, und er weiß noch viel mehr. Etwa, dass es auf unserem Globus mindestens 12.500 nachgewiesene Ameisenarten gibt. Dass die weltweit vorhandenen Winzlinge zusammengenommen mehr Gewicht auf die Waage bringen als die gesamte Weltbevölkerung. Oder dass ein großes Waldameisenvolk mit seinen über eine Million Arbeiterinnen an einem Tag bis zu 100.000 Beutetiere in sein Nest schaffen kann. Aber das ist für Sebesta nicht mehr als das kleine Einmaleins der Ameisenkunde, das sich der jetzt 37-jährige Berliner bereits in früher Kindheit beigebracht hat.

Noch viel interessanter aber war damals für ihn, die genialen Krabbler im elterlichen Garten zu beobachten. "Stundenlang habe ich mit der Lupe auf dem Rasen gelegen und ihnen bei der Arbeit zugeschaut", erzählt er und findet es noch heute spannend, wie Ameisen ihr Leben organisieren, ihre Nester bauen und sich dazu unterschiedliche Aufgaben zuweisen. "Nichts geschieht zufällig, alles folgt einem detaillierten Plan und mit strengster Disziplin", sagt Sebesta. "Das ist schon eine faszinierende Organisationsleistung."

Winterruhe im Kühlschrank

Erst die Ameisen aus dem Garten und jetzt das Krabbelgetier aus der halben Welt. Sebesta sitzt auf einer 1000 Quadratmeter großen Fabriketage zwischen unzähligen Kolonien von Ameisen. Sie leben in Glaskästen, tippeln in langen, durchsichtigen Plastikröhren die Decke entlang, vollbepackt mit Blattteilen. Andere schlafen oder dösen in Reagenzgläsern, präpariert mit Watte und mit Wassertanks versehen. Sie halten im Kühlschrank Winterruhe. Etwa 300 Arten, vornehmlich aus Europa, Asien und Lateinamerika, hält Sebesta auf seiner Etage. Demnächst sollen weitere Exemplare hinzukommen. Und auch das dürfte nicht das Ende seiner Sammelleidenschaft sein, denn Sebesta hat aus seinem Hobby einen Beruf gemacht. Und wie: Er ist Europas größter Ameisenhändler.

Angefangen hat alles Mitte der 1990er-Jahre, als er Fotos von seinen Garten-Kolonien und eigene Texte über Ameisen ins Internet stellte. "Bald habe ich gemerkt, dass es zu diesem Thema nicht viele Alternativen im Internet gab", sagt er. "Ich war ziemlich konkurrenzlos, andauernd kamen Anfragen, ob ich Ameisenvölker und dazu passende Glasbehälter, die sogenannten Formicarien, besorgen könnte."