Bericht "Hungerroulette" Oxfam kritisiert Agrarspekulationen

Vor der Allianz-Hauptversammlung: Oxfam erhebt schwere Vorwürfe

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Die Hilfsorganisation Oxfam Deutschland wirft Banken vor, mit Fonds zu Agrarrohstoffen steigende Preise und Hungersnöte zu verursachen. Wissenschaftler sehen das anders - und sprechen von Panikmache.

Es ist ein hochemotional diskutiertes Thema: Agrarspekulationen, Terminmarktgeschäfte mit Lebensmitteln, so genannte "Long-only"-Indexfonds. Verschiedene Organisationen sehen in diesen die Ursache für den weltweiten Anstieg der Agrarpreise und Hungersnöte. Diesen Zusammenhang wollen Institutionen wie die Welthungerhilfe, Foodwatch oder Misereor mit Studien und Positionspapieren belegen - von der Hilfsorganisation Oxfam Deutschland stammt die jüngste Veröffentlichung zu dem Thema. Finanzinstitute verdienen am Geschäft mit dem Hunger, so die Position des Oxfam-Berichts. Die wissenschaftliche Forschung hat dieser Haltung jedoch entschieden widersprochen.

Thomas Glauben, Direktor des Leibniz-Forschungsinstituts für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO), und Inglo Pies, Professor für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, haben in der Süddeutschen Zeitung ausgeführt, dass sie die Vorwürfe gegen Terminmarktspekulationen nicht bestätigen können. Wissenschaftlich lasse sich nicht nachweisen, dass Indexfonds die Preisschwankungen bei Agrarrohstoffen erhöhen.

Das Gegenteil sei der Fall: Die Terminmarktgeschäfte erlaubten Landwirten sich gegen Preisrisiken abzusichern und trügen tendenziell eher zur Stabilisierung bei. In den Initiativen der Hilfsorganisationen sehen sie eine "verunglückte Gemeinschaftskampagne", die in eine Glaubwürdigkeitskrise führe: "Die Kampagne arbeitet weiterhin mit zahlreichen Falschinformationen, die geeignet sind, Bürger rein emotional anzusprechen und inhaltlich in die Irre zu führen." Gemeinsam mit 38 Professoren-Kollegen haben sie einen offenen Brief an Bundespräsident Gauck geschickt, der eine argumentbasierte Diskussion fordert.

Unbeirrt von der Kritik der Forscher hat Oxfam Deutschland nun eine Kurzstudie mit dem Titel "Hungerroulette" veröffentlicht, in der sie Banken vorwirft "allein durch die Verwaltung von Nahrungsmittel-Spekulationsfonds 2012 mindestens 116 Millionen Euro eingenommen zu haben". Spitzenreiter sei die Allianz mit mehr als 62 Millionen - der Bericht wurde denn auch anlässlich der Hauptversammlung des Finanzinstituts in München veröffentlicht.

Medienwirksam bauten Oxfam-Aktivisten vor der Olympiahalle ein großes Roulette mit dem Schriftzug "Casino Allianz" auf. Gemeinsam mit den Kritischen Aktionären reichte die Organisation einen Antrag auf Nicht-Entlastung des Allianz-Vorstands ein. "Nahrungsmittelspekulation erhöht die Gefahr von Preisschwankungen und Hunger", sagt David Hachfeld, der Autor des Berichts. Dass dies im Widerspruch zur wissenschaftlichen Forschung steht, erwähnt "Hungerroulette" mit keinem Wort.