Fed-Chef Bernankes Notlüge gegen den Untergang

Der frühere US-Finanzminister Henry Paulson und der Ex-Notenbankchef Ben Bernanke.

(Foto: REUTERS)
  • Ben Bernanke räumt in seinen soeben erschienenen Memoiren ein, dass der Lehman-Kollaps anders ablief als man bisher geglaubt hatte.
  • Die Öffentlichkeit wurde bewusst in die Irre geführt, um noch größeren Schaden abzuwenden.
Von Claus Hulverscheidt, New York

Im Herbst 2008 kam es bei einigen Banken in Ostdeutschland zeitgleich zu einer seltenen technischen Panne. Die Geldautomaten spuckten plötzlich nichts mehr aus, sie mussten abgeschaltet und repariert werden. Keine große Sache in normalen Zeiten.

Aber die Zeiten waren nicht normal. Tage zuvor war in den USA die Investmentbank Lehman Brothers pleite gegangen, andere Häuser wankten, weltweit war die Politik hypernervös. Die Nachricht, dass man in Teilen des Landes nicht mehr an sein Geld kommt, war das letzte, was die Bundesregierung gebrauchen konnte. Wäre sie bekannt geworden, hätte das der Tropfen sein können, der das Fass zum Überlaufen bringt und einen Sturm auf die Banken auslöst. In Berlin beschloss man daher, die Sache totzuschweigen und, falls nötig, wider besseren Wissens zu dementieren.

Geheime Verabredung

Dürfen Politiker ihr Volk belügen, um damit Schaden von ihm abzuwenden? Auch in den USA kommt diese Diskussion gerade in Gang, denn es hat sich herausgestellt, dass die Amerikaner 2008 von ihrem finanzpolitischen Spitzenpersonal noch viel ärger hinters Licht geführt wurden. Ben Bernanke, der damalige Chef der Federal Reserve (Fed), räumt in seinen soeben erschienenen Memoiren ein, dass der Lehman-Kollaps ein wenig anders ablief als man bisher geglaubt hatte. Ja, mehr noch: Der Ex-Notenbankpräsident bekennt zudem, dass er mit Finanzminister Henry Paulson verabredete, die Öffentlichkeit, einschließlich des Parlaments, nicht über den wahren Hergang der Geschichte zu informieren, sondern sie im Gegenteil sogar bewusst in die Irre zu führen. Ein Komplott. Ein finanzpolitischer Staatsstreich.

Bisher ging die Erzählung so: Lehman hatte sich mit riskanten Geschäften verzockt und war ein Sanierungsfall. Weil keiner der Konkurrenten das Institut übernehmen wollte, entschloss sich Paulson, ein Exempel zu statuieren: Statt das fast 160 Jahre alte Geldhaus auf Kosten der Steuerzahler mit einem Milliardenkredit herauszupauken und die Manager für ihre Gier noch zu belohnen, schickte er es in die Insolvenz. Er trat den Beweis an, dass auch Banker für ihre Fehler bezahlen müssen und nicht auf die Politik setzen können.

Paulson, der Anwalt der Steuerzahler! Klingt gut. Nur, so war es offenbar nicht. Bernanke zufolge nämlich hatten der Minister und er selbst gar keine Möglichkeit, Lehman zu retten. Rein rechtlich gesehen hätte das Geld für die Aktion von der Fed kommen müssen. Die Notenbank durfte damals aber nur solchen Banken einen Kredit geben, die über ausreichend Kapital und Sicherheiten verfügten. Eine Prüfung der Lehman-Bilanz ergab: Diese Sicherheiten gibt es nicht. Paulsons spätere Andeutungen, er habe die Steuerzahler schützen wollen, "gingen deshalb in gewisser Weise am Thema vorbei", schreibt Bernanke.

Die Wahrheit jedoch wollte auch er niemandem zumuten, denn was hätte das Eingeständnis, dass es an den rechtlichen Möglichkeiten für die Rettung einer Bank wie Lehman fehlt, für die Zukunft der wirklich großen Häuser bedeutet? Für Goldman Sachs? Für Morgan Stanley? Wäre die ohnehin grassierende Panik an den Finanzmärkten in heilloses Chaos ausgeartet, wenn bekannt geworden wäre, dass selbst die ganz Großen im Zweifel nicht vom Staat aufgefangen werden könnten?

"In den Anhörungen vor dem Kongress unmittelbar nach dem Lehman-Zusammenbruch waren Paulson und ich absichtlich unpräzise, als es um die Frage ging, ob wir Lehman hätten retten können", heißt es in Bernankes Buch, aus dem mehrere amerikanische Zeitungen und Agenturen zitieren. "Wir hatten uns zuvor darauf verständigt, vage zu bleiben, weil wir ungemein besorgt waren, dass das Eingeständnis unserer Unfähigkeit, Lehman zu retten, dem Marktvertrauen geschadet und den Druck auf andere verwundbare Institute erhöht hätte." Dass diese "Verschleierungstaktik", wie Bernanke sie selbst bezeichnet, den historischen falschen Eindruck beförderte, die Regierung und die Fed hätten Lehman absichtlich in die Pleite geschickt, nahmen beide ausdrücklich in Kauf.

Paulson hat sich in seinen eigenen, 2010 erschienenen Memoiren ein wenig kryptischer geäußert und betont, seine Aussage, der Steuerzahler werde Lehman nicht zur Hilfe eilen, sei vor allem taktischer Natur gewesen. Ziel sei es gewesen, andere Banken zum Einstieg bei Lehman zu drängen, was trotz allen Drucks misslang.

Bernanke dagegen plagt nun wohl sein schlechtes Gewissen. "Ich möchte nicht, dass der Eindruck zum Allgemeingut wird, die Lehman-Pleite hätte vermieden werden können und sei ein bewusster politischer Entschluss gewesen - aus dem einfachen Grund: Es ist nicht wahr!", schreibt der heute 61-Jährige. "Wir haben damals wirklich alles versucht, was uns in den Sinn kam, um die Pleite zu verhindern."

In den Interviews, die das Erscheinen des Buchs begleiten, verweist Bernanke allerdings auch darauf, dass es Medien und Experten ihm und Paulson leicht gemacht hätten: "Die allgemeine Stimmung war: Lasst sie pleite gehen", erinnert sich der Ex-Notenbanker an die Tage rund um den 15. September 2008, an dem der Beschluss bekannt wurde. "Wir haben damals in den Abgrund geschaut, es war ein schrecklicher, surrealer Moment. Dennoch: Aus heutiger Sicht war unser Vorgehen womöglich falsch, das gestehe ich gerne ein."

Die Stimmung, auf die Bernanke verweist, drehte sich im Übrigen rasch, denn die Lehman-Pleite löste die größte Finanz- und Wirtschaftskrise seit 80 Jahren aus. Immerhin, wiederholen kann sich der Fall nicht, zumindest so nicht: Die Gesetze, die damals ein Eingreifen der Regierung und der Fed verhinderten, wurden unmittelbar nach der Lehman-Pleite geändert.