Beginn der Spargel-Saison Verlockende Spitzen

Die Weltwirtschaftskrise hat für deutsche Spargelbauer etwas Gutes: Statt sich in England oder Irland zu verdingen, stechen wieder Erntehelfer aus Polen das edle Gemüse.

Von Bernd Dörries

Im Herbst kamen die ersten Anrufe. Sie kamen aus Polen und aus Rumänien und aus ganz Osteuropa. Und sie sagten, es sei dringend. Seit Oktober klingelt das Telefon von Andreas Lenhardt im hessischen Griesheim, und die Leute wollen wissen, ob es Arbeit gibt, ob er noch Spargelstecher sucht.

In den vergangenen Jahren musste Lenhardt sehr weit fahren, um überhaupt noch jemanden zu finden, der bei ihm für den Mindestlohn von 5,50 Euro arbeiten wollte. Jetzt ist das anders. "Wir spüren die Weltwirtschaftskrise. Diejenigen, die letztes Jahr noch in Irland und England gearbeitet haben, fragen nun wieder, ob sie zu uns kommen können."

Vielleicht ist das Telefon von Spargelbauer Andreas Lenhardt ein ganz guter Indikator, wie es um die Wirtschaft in Europa steht. Der polnische Zloty hat seit 2008 mehr als 30 Prozent seines Wertes verloren. Die Arbeitskräfte aus dem Nachbarland hatten sich die vergangenen Jahre vor allem nach England und Irland orientiert. Jetzt steigt auch dort die Arbeitslosigkeit rasant.

Eine riesige Industrie

In diesen Tagen hat die Spargel-Saison begonnen, man kann den ersten regionalen Spargel kaufen, der meist noch teurer ist als der aus Griechenland und aus Peru. Aus Ländern, deren Küche die bleichen Triebe kaum kennt, und die vor allem für die Verbraucher in Deutschland produziert wird.

Der Anteil der ausländischen Ware ist gering, es gibt kaum ein anderes Produkt, bei dem das "Made in Germany " so entscheidend ist für den Verkaufserfolg. Viel mehr als bei Autos.

Der Spargelanbau ist eine riesige Industrie, nach Angaben des Verbandes Süddeutscher Spargelbauern arbeiten etwa 200.000 Saisonkräfte jährlich in Deutschland - ein europäisches Projekt, bei Andreas Lenhardt in Hessen sitzen abends die Saisonarbeiter aus ganz Europa zusammen und essen gemeinsam. Nur meistens keinen Spargel.

Spargelbauer Leonhardt fährt jedes Jahr durch ganz Europa, um nach Arbeitskräften zu suchen. Lebensläufe werden vorgelegt, Referenzen gesichtet. Zweihundert Leute arbeiten jede Saison von Januar bis Juni bei ihm - er ist ein Headhunter in Sachen Spargel und hat immer ein Video dabei, auf dem man sehen kann, was das eigentlich ist, und wie man ihn isst, diesen Spargel.

Die Chirurgen unter den Gemüsebauern

Es klingt einfach, was die Saisonkräfte tun. Sie schneiden eine Wurzel ab, die in den ersten Aprilwochen das Sonnenlicht sucht. Bis zu 20 Mal in einem Jahr wird der Spross beschnitten. Schafft er es jedoch bis zum Licht, wird das weiße Gewächs violett und ist dann ziemlich unverkäuflich. Die Spargelstecher sind so etwas wie die Chirurgen unter den Gemüsebauern.

Die meisten Helfer kommen aus Polen und Rumänien. In den vergangenen Jahren starteten aber auch Arbeitsämter in der Bundesrepublik den Versuch, deutsche Arbeitslose auf die Spargelfelder zu entsenden. Er scheitere kläglich. "Es ist auch eine Frage der Motivation", sagt Simon Schumacher vom Verband der Spargelbauern.

Man kann zumindest eine kleine Karriere machen im Spargelbetrieb. Vom Stecher zum Verkäufer zum Fahrer. Die Deutschen würden sich eher zurückhalten bei dieser Arbeit, sagt Schumacher. Vielleicht hat die Wirtschaftskrise sie noch nicht erreicht.

Auf die Verkaufspreise hat das große Angebot von billigen Arbeitskräften aus Osteuropa wohl keine Auswirkungen. Die Deutschen lieben Spargel. Und Spargel-Verbandsfunktionär Schumacher sieht noch keine Anzeichen, dass sich daran etwas ändert.