SZ: Sie haben im BDI neun mächtige Vizepräsidenten und 38 eigenständige Verbände. Wie wollen Sie die unter einen Hut kriegen?
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Keitel: Das geht - gerade in der Vielfalt - sehr gut und läuft bei uns in enger Abstimmung zwischen Präsidium und Hauptgeschäftsführung.
SZ: In der Hauptgeschäftsführung war lange ein Vakuum. Amtsinhaber Werner Schnappauf, der Ex-Umweltminister aus Bayern, war immer umstritten und musste Ende März seinen Hut nehmen - es heißt, auf Ihr Betreiben...
Keitel: Das ist Unsinn. Er hat die Verantwortung für eine Indiskretion übernommen. Das alles hat mich nicht glücklich gemacht. Der Nachfolger ist sehr schnell gefunden worden, er hat vergangenen Freitag sein Amt angetreten, er bekommt allseits Vorschusslorbeeren. Darauf bin ich stolz.
SZ: Wir sprechen über Markus Kerber, bisher einer der engsten Mitarbeiter von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Was kann er leisten?
Keitel: Er ist geeignet und jung genug, um mindestens die nächsten zehn Jahre zu prägen. Der BDI braucht Perspektiven, die über die üblichen vier Amtsjahre der jeweiligen Präsidenten hinausgehen. Er ist unabhängig, er kann sich also eine eigene Meinung leisten. Er war einer der klügsten Köpfe im Finanzministerium und kann den BDI zusammen mit dem Präsidenten und den anderen ehrenamtlich engagierten Unternehmern politisch, strategisch und konzeptionell weiter voranbringen.
SZ: Mit dieser Wahl haben Sie Durchschlagskraft bei der Union. Aber die Welt verändert sich. Die Unternehmer suchen Kontakt zu den Grünen, die als die Regierungskraft von morgen gelten. Hätten Sie nicht die Chance nutzen sollen, den BDI zu öffnen und einen holen müssen, der den Grünen nahesteht?
Keitel: Ich habe einen Hauptgeschäftsführer gesucht, der für diese Aufgabe im BDI bestens geeignet ist. Die parteipolitische Zuordnung hat keine Rolle gespielt. Und zu den Grünen: Warten wir doch mal ab, wie der Realitätstest für sie in ein paar Jahren aussieht.
SZ: Ihre Skepsis wird nicht mal in der Wirtschaft uneingeschränkt geteilt. Früher waren die CDU und der BDI natürliche Partner. Das ändert sich jetzt. Die konservativen Wähler wandern zu den Grünen, die mit Wirtschaft und BDI nichts anfangen können. Wie reagieren Sie auf diese Verschiebung des politischen Koordinatensystems?
Keitel: Wir bewegen uns doch alle aufeinander zu, indem man die Argumente des anderen nicht mehr als ideologisch abtut. Wir sind bereit, uns mit den Sachargumenten der Grünen genauso auseinanderzusetzen wie mit denen jeder anderen politischen Partei. Aber ich denke, dass auch die Grünen einen weiten Weg gegangen sind. In der heutigen unübersichtlichen Zeit muss der BDI ordnungspolitische Klarheit bieten, aber mehr als zementierte Grundsatzpositionen.
SZ: Die besetzt dafür unverdrossen einer Ihrer Vorgänger, Hans-Olaf Henkel. Er schwingt sich mit radikalen Positionen anti Euro mehr und mehr zum informellen Sprecher vieler Wirtschaftsvertreter besonders aus dem Mittelstand auf?
Keitel: Ach was, der Mittelstand ist beim BDI gut organisiert, und ich bin gewählt, um auch für ihn zu sprechen. Mehr als 90 Prozent der im BDI organisierten Unternehmen sind mittelständisch. Der BDI tanzt nicht auf den Stammtischen, er hat eine wirtschaftspolitische Verantwortung.
SZ: Was schlagen Sie denn vor?
Keitel: Die Herausforderungen in Griechenland sind riesig, aber zu bewältigen. Die Frage der Konsolidierung und Umschuldung überlasse ich gerne den Fachleuten. Es gibt ja keinen Grund, warum man dieses fachlich hochkomplexe Problem auf großer politischer Bühne unendlich lang diskutieren muss.
SZ: Mit einer Umschuldung wird Griechenland auch nicht wettbewerbsfähig.
Keitel: Richtig. Aber wir haben damit Zeit gewonnen - die wir allerdings nützen müssen! Wir können als Industrie Griechenland helfen, wieder auf die Beine zu kommen und einen richtigen Businessplan aufstellen, um die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft nachhaltig zu verbessern. Dann geht es nicht mehr nur um die Ausgaben, sondern darum, wie das Land auf der Einnahmenseite die Chance bekommt, wieder zur Schuldentragfähigkeit zu kommen. Darüber reden wir mit Vertretern der griechischen Regierung.
SZ: Was bereden Sie da?
Keitel: Griechenland wird nur gesunden, wenn die Bedingungen im Land so attraktiv sind, dass Investitionen freiwillig dorthin gehen. Man braucht mehr Transparenz, ein funktionierendes Steuersystem, es ist auch zu klären, ob man Grundeigentum vernünftig erwerben kann. Wir als deutsche Industrie wollen als enger und wichtiger Partner dazu beitragen, mit der griechischen Regierung Stück für Stück die Investitionsbedingungen im Land besser zu gestalten.
SZ: Das wird teuer.
Keitel: Ja, aber das Schöne ist: Geld ist da, etwa in Form von nicht abgerufenen Strukturfondsmitteln. Und die EU gibt an anderer Stelle viele Milliarden Euro aus, beispielsweise für die Landwirtschaft oder regionale Hilfen, die bei klaren Regeln Griechenland helfen könnten, zukunftsfähig zu werden!
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(SZ vom 04.07.2011/bbr)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
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"Richtig ist, dass sich die Debattenkultur verändert hat, es in der Politik mehr Tempo und derzeit auch mehr Kurven gibt", sagt Herr Keitel. Allerdings übersieht er, dass von "Debattenkultur" schon lange keine Rede mehr sein kann, nachdem die dazu notwendige "Streitkultur" längst verlorgen gegangen ist. Die Art und Weise, wie konkurrierende Parteien miteinander umgehen, lassen kein gemeinsames Streiten und Debattieren -um dem Wähler dienenden Lösungen- zu.
Jeden Morgen stehen irgendwelche mediengesteuerte "Schlaumeier" auf und versuchen Zeilen und Minuten in Medien zu "erobern" - fernab von Sinn und Unsinn, oder gar Zusammenhängen vieler Inhalte. Die Medien gehen diese Hatz mit irrem Tempo mit. Im Minutentakt wird berichtet, um "aktuell zu bleiben", da bereits am Mittag die Morgenmeldungen überholt und am Abend die Mittagsmeldungen schon revidiert sind.
Doch zurück zu Keitel und Konsorten: Es ist wichtig, dass sich die Wirtschaft zu ihren Zukunftsvorstellungen einbringt. Ohne funktionierende Wirtschaft würde Deutschland in ein tiefes Loch fallen. Aber ebenso wichtig wäre, dass sich die Wirtschaft dazu Gedanken macht, wie die durchaus spektakuläre Gegenwart aussieht. Seit der Regierungszeit Schröder/Fischer hat die Wirtschaft vor allem durch Leiharbeit einen Freibrief im Umgang mit Arbeitnehmern, was sie schamlos ausnutzt. Das "Taschengeld" in der Lohntüte wird vielerorts durch den Steuerzahler aufgestockt, um die Flächen unter den deutschen Brücken bei Reparaturarbeiten nicht zuerst von campierenden Microlöhnern räumen zu müssen.
Schade, dass sich die Gewerkschaften durch inzwischen jahrzehntelanges Unvermögen in den eigenen Organisationen, in Aufsichtsräten, in der Arbeitnehmerinteressenvertretung, usw. selbst in eine Statistenrolle manövriert haben.
Bevor Herr Keitel über die Zukunft philosophiert sollte er sich dafür einsetzen, dass unsere Marktwirtschaft wieder zur "sozialen Marktwirtschaft" wird und nicht nur Produzenten, Dienstleister und Banken zu Wachstumsprofiteuren werden. Nur ein ausgewogenes Verhältnis zwischen gut verdienenden Unternehmen und fair bezahlten Beschäftigten wird den Aufschwung über längere Zeit erhalten können.
Das sollten sich die Keitels dieser Republik jeden Tag auf Punkt 1 ihrer täglichen Agenda notieren.
"Der BDI-Chef räumte aber ein, dass neben der Leistung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern auch die Politik Anteil an der positiven Entwicklung der Wirtschaft habe.
Er verwies dabei auf die Reform-Agenda 2010 von Rot-Grün - dem "wahrscheinlich radikalsten Wirtschaftsänderungsprogramm" der vergangenen Zeit."
Spiegel online 04.07.2011
...sondern auf den Hochzeiten der Kapitalbesitzer und den Nasen seiner Mitarbeiter.
die Adresse, an welche ich die Taschentücher senden darf - ich kann mithin das selbstverschuldete Geheule nicht mehr ertragen!
Paging