Von Thomas Fromm

Der BayernLB-Chef kannte die Risiken seines Geschäfts seit Jahren - und dennoch wuchsen sie ihm über den Kopf.

Michael Kemmer wird in diesen Tagen oft an einen Aufsatz denken, der vor drei Jahren in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen erschien.

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Für Laien ist der Titel des Textes nur schwer verständlich, dafür aber ist sein Inhalt heute umso brisanter: Die kurze Abhandlung "Portfoliooptimierung durch Kreditrisikohandel" handelt davon, wie Kredite - vor allem schlecht bewertete und faule Kredite - zu handelbaren Wertpapieren zusammengeschnürt und gehandelt werden. Im Grunde geht es also um nichts anderes als die globale Verteilung jener hochtoxischen Schrottpapiere, die die Finanzkrise ausgelöst haben.

Wer die Risiken weiterverkaufe, so der Autor, habe "zumindest theoretisch die Möglichkeit, nur die Risiken in den Büchern zu behalten, die er übernehmen möchte".

Michael Kemmer wird oft an diesen Text denken, weil er ihn damals selbst geschrieben hat. Als Risikovorstand der Hypo-Vereinsbank dürfte er schon damals geahnt haben, welche zerstörerische Wirkung der Handel mit Kreditrisiken birgt. "All diese Probleme sind sorgfältig abzuwägen und vernünftig zu lösen", schrieb er in dem Aufsatz.

Heute weiß er es ganz genau. Drei Jahre nach Erscheinen des Artikels stehen Kemmer und seine BayernLB vor einem Milliarden-Desaster. Die Bank hatte jahrelang beim Kauf riskanter Wertpapiere mit vollen Händen zugegriffen und kann sich heute nur noch mit Milliardenhilfen des Bundes über Wasser halten. Kemmer selbst stand am Donnerstag Nachmittag Finanzkreisen zufolge kurz vor der Ablösung. Mit dem Geschäftsmodell, so scheint es, könnte nun auch seine Karriere bei der BayernLB enden, deren Vorstandsvorsitzender er erst seit März ist.

"Akute Krise überwunden"

Als der geborene Bayer seinen Vorgänger Werner Schmidt an der Spitze der Landesbank ablöste, sah alles zunächst nach einem kompletten Neuanfang aus. Als er damals gefragt wurde, wie er sich als langjähriger Manager in der Privatwirtschaft die Zusammenarbeit mit den hochpolitischen Aufsichtsgremien einer Landesbank vorstelle, lachte er nur.

Er werde dazulernen, sagte er. Von dem 51-jährigen Kemmer erhoffte sich die Öffentlichkeit vor allem mehr Transparenz im Geschäftsgebaren der Bank - eine Erwartung, er damals selbst nährte. Doch der Risikoexperte unterschätzte die Dynamik der Finanzkrise. Immer stärker geriet die Bank in den Abwärtssog; die Milliardenlöcher wurden größer und größer.

Am Dienstagabend musste Kemmer vor der Presse den voraussichtlichen Jahresverlust der Bank mit drei Milliarden Euro beziffern. Zuletzt waren es der Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers und die Fast-Pleite Islands, wo die Bank 1,5 Milliarden Euro investiert hat, durch die sich die Lage dramatisch zuspitzte.

Nicht zufällig musste sich Kemmer daher in den vergangenen Krisentagen vor allem an einem Satz messen lassen, den er Mitte August sagte: "Die akute Krise ist überwunden." Wenige Wochen später ist die Krise der BayernLB so akut wie nie zuvor.

Welche Verantwortung Kemmer an dem Desaster hat, ist schwer einschätzbar. Viele sagen, er sei erst seit kurzer Zeit Chef der Bank und daher außen vor. Das stimmt.

Es stimmt aber auch, dass er bereits seit 2006 als Finanzvorstand für die BayernLB tätig war. In einer Schlüsselposition also. Zuletzt lehnte er eine Entschuldigung für das Desaster ab. Allerdings räumte er ein, dass ihn das Thema "quält". Er stelle sich die Frage: "Was haben wir die letzten Jahren nicht richtig gesehen?"

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(SZ vom 24.10.2008/hgn)