Von Thomas Fromm

Erst waren es nur "Zahlungsstörungen", heute steht die BayernLB am Abgrund. Dazwischen wurden viele Zahlen genannt, nur die wenigsten hatten Bestand.

Fast wäre die Meldung untergegangen - damals, im August 2007, als die BayernLB erstmals öffentlich erklärte, riskante Wertpapiere vom US-Markt mit Hypothekendarlehen für schwache Schuldner eingekauft zu haben. Ausgerechnet die Papiere, die in den Wochen und Monaten danach komplett einbrachen, weil jene mittellosen Häuslebauer, denen findige Manager Kredite angedreht hatten, nicht mehr zahlungsfähig waren.

Die Informationen kamen scheibchenweise - am Ende war die Lage der BayernLB desaströs. (© Foto: dpa)

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Es war die Zeit, in der die Finanzkrise noch nicht Finanzkrise hieß, sondern US-Hypothekenkrise. Und man daher noch so tun konnte, als würde einen das Ganze hierzulande nichts angehen. Folglich wollte die BayernLB damals auch partout nicht sagen, wie viel Geld sie damals in wackelige US-Papiere investiert hatte. Ein paar Wochen später kursierte eine erste Zahl. Es waren 1,9 Milliarden Euro. Später gab es eine zweite. Bis zu 24 Milliarden Euro hatte die Landesbank im Laufe der Jahre in riskante Papiere gesteckt.

Aus dünnen Scheiben werden dicke Brocken

Wer genau zwischen den Zeilen las, dem konnte schon im Sommer 2007 unwohl werden. Denn die BayernLB legte damals Wert darauf, dass es bei ihren US-Geschäften noch nicht zu "Zahlungsstörungen" gekommen sei. "Zahlungsstörungen" - das klang schon da nach einem Euphemismus, wie ihn sich vielleicht Finanzbuchhalter ausdenken. Es war ein seltsames Wort, und es verschwand sehr schnell wieder. Später, als die Krise weiter eskalierte, war von Ausfällen die Rede. Von Belastungen und Abschreibungen. Am Ende von Kapitalbedarf. Der lag zuletzt bei zehn Milliarden Euro. Zehn Milliarden Euro, die der Bank fehlen, um weiterzuarbeiten. Vor anderthalb Jahren hätte man wohl von "massiv gestörten Zahlungen" gesprochen.

Ganz allmählich hatte sich die Finanzkrise in den Bilanzen der BayernLB niedergeschlagen. Zuerst ganz langsam, dann immer heftiger. Irgendwie gab es immer wieder neue Zahlen, die vor allem eines belegten: Die BayernLB hatte viele riskante Papier in ihren Depots, und je dramatischer sich die Finanzkrise entwickelte, desto schlimmer ging es mit der Bank bergab. Die Intensität der Krise, so schien es, spiegelte sich in den Büchern des öffentlichen Instituts wider. Zuletzt waren es die Manager der Bank selbst, die keine Prognosen mehr wagen wollten. Dafür waren schon zu viele zuvor daneben gegangen. Mal waren es 100 Millionen, die fehlten, dann 4,3 Milliarden Euro, im Herbst waren es dann 6,4 Milliarden. Scheibchenweise wurde die Salami zerlegt. Bis aus den anfangs noch dünnen Scheiben irgendwann dicke Brocken wurden.

"Schwere Kommunikationspanne"

Manchmal schien es so zu sein, als würden die Betroffenen selbst den Überblick verlieren. Zum Beispiel der damalige BayernLB-Verwaltungsratschef und Ex-Finanzminister Erwin Huber, der im Januar zwar erklärte, dass die BayernLB von der Kreditkrise härter als erwartet getroffen werde. Gleichzeitig aber Berichte über Milliardenbelastungen im Landtag als Spekulation abtat und erklärte, es gebe noch keine belastbaren Zahlen. Dumm nur, dass BayernLB-Chef Werner Schmidt dann doch Zahlen hatte und diese auch veröffentlichte. Eine "schwere Kommunikationspanne", hieß es damals. Schmidt habe seine Kollegen "wie die letzten Deppen dastehen" lassen. Schmidt musste gehen, Huber blieb. Vorerst zumindest.

In der langen Krise der BayernLB gab es viele Zahlen. So viele, dass die Menschen hinter ihnen fast vergessen wurden. Nur selten sprachen die Betroffenen offen über ihre Arbeit und ließen dabei Einblicke in eine besondere Welt zu. So wie jener Ex-Manager, der im Frühjahr von Kreditrisiken sprach, die so groß seien, dass man schon "Masochist" sein müsse, um "daran Spaß zu haben". Oder jener BayernLB-Banker, der seine Quartalszahlen so kommentierte: "Es hat kräftig gekracht."

Im August sah es für einen kurzen Moment so aus, als würde es ruhiger werden. Michael Kemmer, Schmidts Nachfolger an der BayernLB-Spitze, trat vor die Presse und erklärte die "akute Krise" der Bank für "überwunden". Kemmer sah an jenem Tag müde aus und überarbeitet. So, als hätte er in den Tagen und Wochen zuvor viel durchrechnen müssen. Er irrte dennoch gewaltig. Es dauerte ein paar Wochen, da kam es für die BayernLB knüppeldick. Zuerst kollabierte die US-Bank Lehman Brothers, dann flogen faule Kredite der Landesbank in Island auf. Schon wieder neue Zahlungsstörungen. "Wir hätten nie gedacht, dass es mit den Belastungen bei der BayernLB so schlimm kommen würde", sagte ein hochrangiger Sparkassenvertreter in diesen Tagen. Noch interessanter aber ist der Satz, den er danach sagte: "Wir sind heute so weit, dass wir nicht mehr sagen können, wie und wo das Ganze enden wird."

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(SZ vom 29.11.2008/tob)